Kurzgeschichten

Bastet

Schon als Sabine den Code für das Einfahrtstor tippte, hörte sie die Katzen klagen. Es klang nahe, als stünden sie direkt an der Thujahecke rund um das Anwesen und es gefiel Sabine nicht. Normalerweise lagen die Tiere an diesen endlos heißen Abenden unter Büschen oder in schattigen Kuhlen und kamen erst hervor, wenn sie rief und schnalzend lockte. Das Tor schwang zur Seite, schnell trat sie ein, die Hitze der Auffahrt schlug ihr ins Gesicht. Alice und Ellen, die beiden Russisch-Blau standen im Schatten der Hecke, die Pfoten ins satt gewässerte Gras gestemmt, Schwänze erhoben und schrien.
Was ist los? Was habt ihr? Mit ausgestreckter Hand ging Sabine auf die beiden zu, sie verstummten und strichen ihr um die nackten Beine. Das feine Fell, eine Liebkosung. Sabine, Katzenfrau, versorgte Haustiere, deren Besitzer in Urlaub waren, und seit fünf Jahren kam sie hierher. Bisher allerdings nur, wenn der „Alte Herr“ verreist war. Aber jetzt? Die Dinge hatten sich geändert.
Sie ging in die Hocke, ein Leckerli hocherhoben. Die Katzen starrten sie an, Augen, leuchtend blaugrün, Smaragd. Wie die vom Alten Herrn früher. Alice und Ellen setzten sich und Sabine gab ihnen die Belohnung. Na, geht ja, ihr zwei. Also, was ist los? Sie liefen vor ihr her, durch den Park zum Haus, wandten sich miauend immer wieder nach ihr um. Die Hitze, seid ihr deshalb so? Ist was mit dem Alten Herrn? Sie folgte den beiden schneller, nutzte die Schatteninseln der Bäume. Ein schlimmer Sommer, sagten die meisten, seit Tagen mehr als 35 Grad. Ihr machte es nichts aus, sie spürte den Schweiß am Rücken, in den Kniekehlen, das war eben so. Früher mussten die Menschen auch Sonnenglut ertragen. Sonnengötter. Vor der Terrasse verlangsamte sie, sah sich um. War die Betreuerin irgendwo?
Nach einem Zusammenbruch – es war an dem Tag, als der schöne Bengal Ludovico eingeschläfert werden musste – lag der „Alte Herr“ nur noch im Bett, nichts mehr mit Urlaub. Seine Tochter und ihr Mann waren zu ihm gezogen, sie waren nun Sabines Auftraggeber. Langsam stieg sie die Marmorstufen hoch, von oben sah sie den Pool, den die beiden gerade erst hatten installieren lassen. Schimmernd in der schrägen Sonne, ein Juwel, das man auch von der Straße sehen konnte, durch die Lücken der Hecke, in der zunehmend mehr Thujen, diese angeblich immergrünen Lebensbäume, erbärmlich braune Zweige reckten.
„Wissen Sie Sabine, es ist ein Infinitypool“, sagte sie mit schriller Stimme vor sich hin und verzog den Mund. Manchmal nannte sie die Tochter und deren Mann bei sich die „dicken, fetten Erben“, und schalt sich sofort dafür. Alle Menschen waren gleich viel wert, Sabine meditierte jeden Morgen 15 Minuten über Dinge wie Toleranz und Dankbarkeit. Ganz abgesehen davon, dass weder die Tochter des Alten Herrn noch ihr Mann dick waren. Die Tochter sprach allerdings schrill, sie war Managerin und alles musste schnell gehen bei ihr. Zack, zack hatte sie Sabine auch gesagt, worauf sie besonders achten sollte.
„Die Kinder von da drüben“, vage Handbewegung in Richtung der Wohnsilos hinter der vierspurigen Straße. „Sie wollen immer in unseren Pool. Das ist ein No-Go, nicht wahr?“ Sie hatte Sabine angesehen, aber Sabine hatte nicht genickt. Sie verabscheute Hektik und sie ließ sich nicht gerne, zack, zack, irgendetwas anweisen – da hätte sie ja in ihrem alten Beruf als Bürokauffrau bleiben können.
„Außerdem hat mein Vater eine neue Betreuerin. Sie sprechen sich bitte mit ihr ab, dann kann sie Pause machen, wenn Sie hier sind. Und – Sie wissen ja, wie wichtig meinem Vater der Garten hinten ist, ja?“
Ja, hatte Sabine nun doch genickt, die Tochter hatte wie beruhigt gelächelt und war für vier Wochen nach Costa Rica verschwunden.
„Endlich wieder eine Fernreise, nach all dem Corona“, hatte sie noch gesagt und Sabine hatte gedacht, dass Fernreisen ein No-Go waren und sie auch gar nicht weg wollte. Aber die Natur in Costa Rica, die üppigen Pflanzen mit den verschwenderischen Blüten, diese Bilder im Internet. Sie hatte einen Stich gespürt und tief Luft geholt. Neid musste man sofort wegatmen, Neid war nur den Göttern gestattet.
Vor dem Eingang der Villa drehte sie sich noch einmal um. Der Pool lag klar wie Glas. Sabine reckte sich – hinter der Hecke war alles ruhig. Und selbst wenn – war nicht Bastet auch die Göttin der Freude und die Beschützerin der Kinder? Der Alte Herr hätte ein paar Jungs und Mädchen sicher im Pool plantschen lassen.
Alice und Ellen miauten wieder, mit großen Sprüngen nahmen sie die Treppe zum ersten Stock, zwei graublaue, schattenhafte Geschöpfe. Sabine folgte ihnen und oben kam ihr die neue, ukrainische Pflegerin entgegen. Darja, schick bis in die blonden Haarspitzen, lächelnd, in der Hand die Liste. Über ihre Schulter hinweg sah Sabine Leopold, den norwegischen Waldkater. Wie jeden Tag, seit er nicht mehr zum Alten Herrn durfte, lag er auf dessen Türschwelle, den Kopf mit dem strahlenförmigen Fellkragen aufmerksam erhoben.
„Guten Tag Sabine, dear Katzenfrau“, sagte Darja kehlig und lachte. Das war neu, Katzenfrau hatte sie gestern noch nicht auf Deutsch gekonnt. Sabine zwinkerte ihr zu: „My dearest Smarthead.“
Darja war Medizinstudentin aus Charkiw, sprach Englisch und war nur wegen ihrer alten Eltern geflohen. Jeden Tag machte sie für Sabine eine Liste mit den To Do‘s und übersetzte sie mit google translate ins Deutsche.
Heute stand dort, neben den Uhrzeiten für die Medikamente, dass der Alte Herr alle 15 Minuten zum Trinken animiert werden musste. Außerdem war das Wort Klimaanlage rot markiert.
„Was ist damit?“ Sabine zeigte darauf.
Nach einigem Hin und Her verstand sie, dass die Klimaanlage Aussetzer gehabt hatte und sie immer wieder nachsehen sollte, ob sie lief. Ein Monteur würde erst am nächsten Morgen kommen.
Darja sah sie eindringlich an:
„When the aircondition is off too long, the old Sir dies. “
Sabine nickte, aber Darja war offenbar nicht überzeugt. Sie tippte in ihr Handy, hielt Sabine das Display hin:
„Wenn Klimaanlage aus, Alter Herr stirbt.“
Sabine nahm Darja um die Schulter: „Jaja, don’t worry, ich mag the old Sir auch.“
Darja hob Zeigefinger und Mittelfinger:
„Two hours, I’m back in two hours. And bitte, bitte Vorsicht mit die Leopold, you know.“ Sie bettelte zum Spaß mit den Händen, doch ihr Blick war ernst.
Sabine bücke sich zu Leopold und nahm ihn hoch:
„Look, ich halte ihn“, sagte sie und rüttelte sich die sieben Kilo Kater auf den Armen zurecht. Mit dem Kinn drückte sie die Klinke und öffnete die Tür zum Alten Herrn.
Beim Anblick des dünnen Körpers in dem großen Bett rollte eine Welle aus Mitgefühl an Sabines Herz. Sie spürte, wie diese Regung sie weich und schön machte. Vor sich und dem alten Mann dort, dessen Liebe zu seinen Katzen und dem Garten hinten nur sie wirklich verstand.
Alice und Ellen sprangen auf das Fußende des Bettes, legten sich, endlich ruhig, nur ihre Schwanzspitzen zuckten. Sie sahen zwischen Sabine und dem Mann hin und her. Was wollt ihr, was soll ich tun? Leopold wurde unruhig. Sabine setzte ihn auf den Bettrand, aber hielt ihn zurück, bis der Greis kraftlos eine Hand hob.
„Lass ihn zu mir!“ Die Stimme war rau, schlecht zu verstehen, aber es war eindeutig eine Ansage. Sabine war sich des Risikos bewusst, aber ließ Leopold los. Trotz seiner Größe war er eine unsichere Katze. Solche suchten immer Schutz bei ihren Menschen, möglichst nahe dem Kopf. Selbstbewusste Katzen wie Alice und Ellen hatten kein Problem damit, an den Füßen zu liegen. Leopold hingegen wählte sorgfältig einen Platz auf dem Kopfkissen, direkt neben dem Gesicht seines Herrn. Oberkörper, die Vorderpfoten und seinen dicken, zimtfarbenen Katerkopf legte er auf dessen Hals. Wieviel Gewicht drückte jetzt auf die Luftröhre des Alten Herrn? Genau deshalb hatte Leopold von Darja Zimmerverbot bekommen. Doch Sabine ließ ihn dort, saß am Bettrand, betrachtete die beiden und konnte ihr Glück spüren. Wie sie dahin dämmerten in der schnurrenden Trance.
„Bastet“, flüsterte der Alte und ein Lächeln schwang sich von seinen dünnen Lippen. Erst als sein Atem schwach wurde unter dem Kater, schwächer noch, griff Sabine zu.
Sie hob Leopold an, er wehrte sich, rasch legte sie eine Hand über seine Augen, ein geflüstertes „Schsch“ in ein Ohr, schon hatte sie ihn wieder fest in ihren Armen.
Nach einem tiefen, befreienden Röcheln öffnete der Kranke die Augen, und Sabine spürte, wie die Welle sie neuerlich überrollte. Kittenaugen sahen sie an, wässriges Blau, fließend wie in verdünnter Milch. Hilflose, suchende Augen. Vergangenheit das Smaragdgrün, die Stärke, wie von einem Tag auf den anderen. Armer, armer Mann. Auch die Schuld der Erben? Sabine hatte ein paar Mal gesehen, dass die Tochter zu ihrem Vater weniger zack, zack war als sonst. Aber sie bauten um und ein, den Pool, eine neue Bewässerungsanlage im Park vorne, machten Lärm und Dreck und jetzt flogen sie einfach in den Urlaub. Hatten sie keine Angst, dass er starb? Allein, ohne sie.
„Die Hitze“, sagte er kaum hörbar, „die Hitze kommt von der Göttin, sie ruft mich.“
„Aber die Klimaanlage ist doch an“, sagte Sabine und zeigte mit dem Kinn auf die Anzeige: 21 Grad. Sie drückte Leopold mit einem Arm fest an sich, nahm die schwache Hand vor ihr auf der Decke. Eiskalt.
„Gib mir Leopold“, sagte er und hustete.
Sie setzte den Kater ab, der wieder auf das Kissen wollte. Sie verhinderte es, indem sie den Oberkörper des Alten Herrn hochstützte und ihm den Trinkbecher an die Lippen hielt. Er ließ sich einen winzigen Schluck einflößen. Sabine legte ihn sanft wieder hin, in der Trinkliste kreuzte sie 20:30 Uhr an. Leopold machte sich wieder auf Kissen und Hals breit.
„Wir haben neue Kunststücke“, sagte Sabine, „Alice und Ellen können jetzt doppelten Purzelbaum. Wollen Sie nicht sehen?“ Die beiden Katzen spitzten die Ohren bei ihren Namen und waren auf Abruf.
„Lass Leopold hier, sie ruft mich“, kam seine Stimme, fester jetzt.
Sie nahm den Kater wieder an sich, sagte „Nein“, und „in einer Viertelstunde komme ich wieder. Haben Sie besondere Wünsche für den Garten?“
„Ich will zu den anderen“. Sie schüttelte den Kopf.
Auf dem Weg nach unten, zur abendlichen Futterrunde folgten ihr die Katzen und auch Leopold. Sie säuberte die drei Schalen, die von Alice und Ellen waren leer, Leopolds Futter vom Morgen hingegen kaum berührt. Er nahm auch jetzt nur ein paar Leckerli und lief die Treppe wieder hoch.
Was für eine Liebe, dachte Sabine und ihr Herz schmolz in Sehnsucht nach etwas so Großem.
Normalerweise fing sie sofort mit dem Gießen der Gräber an. Sie liebte es, die Schlauchdüse zu einem dünnen Schleier zu drehen und einen zarten Regenbogen zu schaffen, einen Bogen in die andere Welt.
Dieses Mal ging sie zuerst zu Bastet. Die Statue der Göttin, lebensgroß, stand in einer schattigen Ecke, umgeben von dichten Hortensien, vor ihr eine antike Marmorbank. Sie und der Alte Herr auf der Bank. Wieder fasste Sabine das Weh an. Ein paar Mal war der Alte früher aus dem Urlaub zurück gekommen, ein, zwei Tage. Trotzdem sollte Sabine weiterhin die Katzen versorgen und den vereinbarten Zeitraum erfüllen. Einmal hatte er sie nach dem Gießen zu der Bank geführt und ihr Bastet vorgestellt. Oder, nein, es war eher umgekehrt gewesen, oder?
„Das ist die Katzenfrau, von der ich erzählt habe“. So hatte er begonnen, dabei die Statue angesehen und lange geschwiegen, endlich genickt. Sabines beklommenes Gefühl löste sich mit dem Nicken, sie saßen in Ruhe, zu dritt einander nahe. Nach einer Weile bat er sie aufzustehen, legte ihre Hand auf Bastets Gesicht. Kühle Steinhaut, Poren, vom Alter in die Oberfläche gefressen, das spürte Sabine, erstarrte Lebendigkeit. Und die Augen der Göttin, schmal und langgezogen, blindes Sehen.
„Verehre sie, sonst kommt sie über dich“, hatte er noch gesagt und sie dann beide abrupt stehen gelassen. Sie und die Göttin. Aber Sabine war schon im Einvernehmen mit ihr, hatte sich gekniet und die vier Katzen zu Füßen der Statue gestreichelt, kaltes Steinfell, unter ihren Händen war es weich geworden damals.
Auch jetzt kniete sie nieder und spürte die Augen der Göttin auf sich. Hast du ihn gerufen? Sie umfasste einen der Katzenköpfe mit beiden Händen. Hilf mir.
Bevor sie wieder nach oben ging zu ihm, goss sie das Grab seiner Ehefrau. Der schwülstige Rosenstrauch verdeckte den Grabstein, doch Sabine kannte die Inschrift:
Meine geliebte Frau
1995, Tempel der Bastet.
Lisa

Alice und Ellen kamen mit ihr nach oben und Leopold stand auf, als sie sich näherten – sie nahm ihn mit ins Zimmer, hielt ihn aber zurück, bis der Alte einen winzigen Schluck genommen hatte. Gewissenhaft hakte sie die Uhrzeit ab, 20:45 Uhr, gab Leopold den Weg zu Kissen und Hals frei, beobachtete Atem, befühlte Hände und Füße: eiskalt. Sie drehte die problemlos arbeitende Klimaanlage hoch, 25 Grad. Vielleicht half das?
Einmal noch hatte er sie zu der Statue mitgenommen. Wieder saßen sie auf der Bank, dieses Mal war er nicht in Ruhe, sie fühlte seinen Schmerz.
„Wir waren in Ägypten, unsere Tochter war ein Jahr alt und endlich konnte ich meine Frau überreden, eine Reise dorthin zu machen. Wir liebten Katzen und besichtigten den Tempel der Bastet. Dort, auf diesem Gelände brach meine Frau zusammen, sie war sofort tot.“
„Lisa“, sagte Sabine.
Irritiert schüttelte er den Kopf, stand auf und trat dicht vor die Göttin: „Grausame, warum hast du sie mir genommen? Wir haben das Wohl unserer Tochter nie vergessen.“
Er stürmte davon. Sabine fragte nie, wie er es geschafft hatte, seine Frau im Garten zu beerdigen. Und als er sie später aufklärte, dass Lisa die Lieblingskatze seiner Frau gewesen war, fragte sie auch nicht, ob er Lisa umgebracht und mumifiziert hatte – wie im antiken Ägypten. Bei dem Gedanken schüttelte es sie – wenn sie stürbe, hätte sie ihre vier Katzen auch gerne um sich. Aber sie dafür eigenhändig töten?
Dieses Mal war es schwieriger, Leopold wieder mit nach draußen zu nehmen, er fauchte mit nach hinten gelegten Ohren und sein Herr griff nach ihm, wollte ihn halten. Sie drückte die Hand nieder, packte Leopolds Vorderbeine mit festem Griff und blies ihm ins Gesicht. Grollend ließ er sich nach draußen tragen, sprang mit einem Satz von ihren Armen und kratzte an der Tür. Fauchte ihr hinterher.
Sie goss die weiteren Gräber – sieben kleine Katzengräber waren es, alle unter schwer hängenden Rosen, bedeckt mit blau blühender Katzenminze. Zwischendurch ging sie nach oben, ließ Leopold nicht mehr ins Zimmer, gab zu trinken, hakte die Zeit ab, 21:00 Uhr, 21:15 Uhr,21: 30 Uhr.
Kurz vor 21:45 Uhr war das siebte Grab, das des Bengal Ludovico gegossen.
Sabine hockte sich zu Bastets Füßen, ließ den Blick über die dunkler gewordenen Hortensien gehen, das Abendlicht nahm ihnen die Farbe. Im Rücken die Göttin, die Gräber, der Pool, die Terrasse, das Haus, das Zimmer, den alten Mann in seinem Bett, die andere Welt….
Wächtergleich warteten Alice und Ellen am Rand der Terrasse auf sie,
zu viert betraten sie das Zimmer. Leopold nahm sofort seinen Platz ein, Sabine verwehrte es ihm nicht. Sie drehte den Thermostat der Klimaanlage auf 21 Grad zurück, schaltete sie aus und öffnete das Fenster. Tropische Nachtluft drang schwer in den Raum, nahm ihn langsam in Besitz. Sabine ließ sich Zeit, strich die Bettdecke glatt, fächelte weiter Wärme ins Zimmer. Es musste sich warm anfühlen, wenn Darja zurückkam. Bevor sie nach unten ging, hakte sie 21:45 Uhr ab und lauschte auf den Atem des Alten unter Leopolds Gewicht. Auf der Schwelle erreichte sie ein kaum noch verständliches „Danke“ und im Umdrehen sah sie, wie die sich helle Finger im Fell des Katers verkrampften.
Im Garten rollte sie den Schlauch auf, ließ die Hände über nasse Zweige gleiten und legte sie in ihren heißen Nacken. Wäre sie zu Hause, in ihrer kleinen Wohnung würden ihre eigenen Katzen ihr das Wasser von den Händen lecken und sie in der Mitte des Rudels willkommen heißen.
Ein paar Minuten vor 22:00 Uhr war sie wieder oben. Alice und Ellen lagen ruhig am Fußende, Leopold aber schmiegte unter leisen Klagelauten seine Wangen an das Gesicht des alten Herrn.
Als Sabine sich dem Bett näherte, ging er in Kampfstellung – aus tiefer Kehle knurrend, den hochgereckten Schwanz auf doppelten Umfang gesträubt. Keine Spur mehr von Unsicherheit, er war wie verwandelt. Welche Kraft war in ihn gefahren?
Sabine wich zurück. Hektisch schloss sie das Fenster, wischte mit ihrem T-Shirt über die Klimaanlage, ging wieder zum Bett, wich wieder zurück. Damit hatte sie nicht gerechnet, so ging es nicht. Um 22:00 Uhr sollte ihr Anruf an den Notarzt rausgehen: die Klimaanlage, Sie verstehen, schnell, gerade lief sie noch… Aber fand man Leopold hier, war er der Beweis ihrer Schuld, sie konnte nicht anrufen.
Panik heizte ihr Blut, sie verließ sie das Zimmer, wollte weg. Kehrte um, lockte. Alice und Ellen kamen sofort mit ihr Leopold aber stand über dem Alten Herrn und leckte dessen Hände als wären es Kitten. Er war wie besessen, wenn sie sich näherte, fauchte er. Als störe sie ihn bei einem heiligen Ritual.
Jetzt ging sie wirklich, nein, sie floh. Was hatte sie getan? Öffnete die Haustüre, schnell durch den Park, Alice und Ellen hinter sich. Die Hitze umklammerte sie, der Park war wegen des drohenden Energiemangels nicht mehr beleuchtet, die Dunkelheit nahm ihr den Atem, sie stolperte, schluchzte. Sie hatte ihn umgebracht. Bastet, du wolltest es doch… hilf mir…hätte ich nicht… Leopold, er muss kommen, schick ihn…hilf! … Dann war sie durch das Einfahrtstor, Alice und Ellen immer noch dabei, treue Gefährtinnen, hinter sich hörte sie nackte Füße durch die Einfahrt tappen, gleich darauf Spritzen und Plantschen im Pool. An der nächsten Ecke blieb sie stehen, blickte sich um. Das Haus, das Fenster im ersten Stock erleuchtet, die Bäume noch dunkler als die Nacht und auf dem Gehweg sah sie einen vierbeinigen Schatten mit leuchtenden Augen auf sich zukommen. Bastet, danke.

Martina Lenz, 2022