Kurzgeschichten

Drei Dimensionen und drei Worte

Das Modell der Villa war schön, die Gartenanlage, die Bäume, die Menschen – alles liebevoll ausgeführt. Aber die Schräge des Dachs stimmte um eine Haaresbreite nicht. Das sah sie so, sie musste da nicht lange messen. Und Sebastian? Jo verdrehte die Augen und ging auf die Suche. In der Kaffeeküche war er nicht, auch nicht am Tischkicker im langen Flur. Gerade hielt sie sich noch zurück die anderen Mitarbeiter nach ihm zu fragen. War sie verrückt, ihm nachzulaufen? Noch mehr Futter für Tratsch? Sebastian war ein Angestellter. Der offensichtlich Fehler machte. So. Sie befahl sich Rückzug an den eigenen Schreibtisch, wahrscheinlich war er in der Pause. Ihr Rock spannte bei den großen Schritten.

„Jo?“ Sebastian steckte den Kopf zur Tür herein. „Britta hat mir gesagt, du hast mich gesucht.“ Britta war die Sekretärin, Jo sah unwillkürlich auf die Uhr. Mehr als eine Stunde. Wo war er gewesen?
„Mach die Tür zu“, sie stand auf, strich den Rock hinunter. Sah seinen Blick und ließ es bleiben. Sollte er doch schauen, sie trug Strumpfhalter, na und? Es war Freitag. Wahrscheinlich bildete er sich ein, sie tue es für ihn.
Er trat ins Zimmer, kam auf sie zu, die sommersprossigen Hände so, als wollte er sie gleich nach ihr ausstrecken: „Chefin, du runzelst deine schöne Stirn.“
Sie straffte sich, wollte sagen ‚lass das‘, das steht dir nicht zu.
„Das Dach sitzt nicht im richtigen Winkel.“
„Schon korrigiert.“
Er hob den Kopf, triumphierend wie ein Hahn nach dem morgendlichen Schrei. Fehlte nur der Kehllappen. Nein, das war fies, er war jung und groß und alles an ihm war fest und stark, sonnig blond.
Sie sah an ihm vorbei, ging voran wieder über den Flur. Altbau, etwas anderes wäre für ihre eigene Firma nicht in Frage gekommen. Sie kam von einem Bauernhof, ihr liebster Raum dort war die Scheune, sie brauchte Höhe, Weite.
Die aktuellen Modelle bauten sie im ehemaligen Salon, das angrenzende frühere Speisezimmer, alles mit Stuck, war der Besprechungsraum. Was sollte das heißen ‚korrigiert‘? Wollte er sie verarschen? Sie gab ihm bisher nur einfache Aufträge, er hatte zwar Architektur studiert, da lernte man Modellbau mit allem pipapo. Aber er war ein Weltenbummler, einer der sich Zeit gelassen hatte. Mit 29 Berufsanfänger und große Klappe. 3D Planung, 3D Druck, hatte er alles drauf und schwärmte davon. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Wie an dem Morgen nach dem Abend, der nicht hätte sein dürfen. Sie ging schneller. Kaffee ans Bett und 3D. Gleich in der Nacht hätte sie sich verabschieden sollen, statt dessen hatte sie sich morgens auf eine Diskussion mit ihm eingelassen. Sie war bescheuert und er war zu attraktiv. So frei. Ganz abgesehen davon wusste sie auch, dass 3D die Zukunft war. Schneller, preiswerter. Und hässlich. Sie arbeitete damit, aber nur wenn es ein Kunde für seine Immobilienpräsentation unbedingt wollte. 3D war totes Material, kein Geist. Räume waren die Verteidigung des Menschen gegen den Abgrund, feste Höhe, Breite und Tiefe gaben Halt und Schutz. Aber bei 3D fehlten der Mensch, der dies schuf, die Rituale der Magie. 3D war seelenlose Präzision. Wenn Sebastian jetzt wieder mit 3D anfing, würde sie ihn feuern, ja, das würde sie tun, er war noch in der Probezeit.
Er folgte ihr so dicht, dass sein Atem ihren Nacken streichelte:
„Johanna, ich wollte nur erreichen, dass du mit mir sprichst.“
In ihrem Bauch und darunter, in der Mitte des Unterleibs schmolz etwas, wellenförmig, fast hätte es sie aus dem Gleichgewicht gebracht.
Johanna, das sagte keiner, das durfte keiner sagen. Und schon gar nicht so.
Sebastians Modell, eine Villa mit eingeschnittenem Satteldach stand ganz vorne auf dem großen Tisch, sie betrachtete es schweigend und hielt Abstand zu ihm. Spürte ihn trotzdem, als wäre ihr Körper auf ihn ausgerichtet, jedes Härchen auf der Haut eine kleine Antenne.
Sie legte die Hand auf das Dach: „Und deshalb machst du Fehler? Vergeudest deine und meine Zeit?“
Sie hörte sich so ruppig an wie sie es wollte, aber darunter zitterte etwas in ihr.
Jetzt hatte sie ihn erschreckt, oder? Und wie konnten blonde Wimpern eigentlich so schön sein? Wahrscheinlich nur über diesen dunklen Augen, der Gegensatz war es, klar. Sie kannte das doch.

Das blonde Stroh in der Scheune auf den dunklen Balken. Ganz hinten war ihr Versteck, vorne waren die Ballen vom Vater schon nach unten gezogen, Stroh und Heu im Stall verteilt worden. Ganz hinten hatte sie ihr Material – Papier und dünne Pappe aus dem Werkraum der Schule mitgenommen, dünne Leisten, Abfall aus dem Baumarkt erbettelt, das scharfe Teppichmesser hatte sie dem Vater geklaut. Die erste Zeit baute sie nur zwei Räume – Küche und Stube. Maßstabsgetreu, sie konnte das und schnitt die Pappe auf den Millimeter genau. Jeder Schnitt half ihr zu vergessen. In der Küche hatte der Onkel fette Trinkschokolade für sie gemacht. Süß, noch süßer, noch mehr Zucker, wie es die Mutter nie erlaubte. Das füllte den Mund bis zur letzten Pore, rann beißend schön die Kehle hinab. Und dann der Schoß des Onkels, in der Stube. Seine sommersprossigen Hände, die sie hielten. Auch das schön, Schaukeln und Hoppe-Reiter, obwohl sie schon ein großes Mädchen war, ein Mädchen, mit dem der Onkel doch ein Geheimnis haben konnte, nicht wahr Johanna? Du bist doch schon ein großes Mädchen, Johanna. So zärtlich.

„Soll ich kündigen?“
Sebastian sah sie an, ernst, als wäre er besorgt um sie.
„Nein, keinesfalls, warum?“
„Vielleicht ist es dir unangenehm, wegen…“
„Ach, das“, sie warf spöttisch die Hand Richtung Schulter, „das habe ich schon vergessen.“ Glaubte er ihr? Es war anstrengend spöttisch zu wirken, wenn man es nicht war.
Nein, du meine Güte, er war gekränkt, echt jetzt? Bestimmt nur in seiner Männerehre.
„Ich muss gehen, ich habe einen Termin.“ Sie drehte sich um, ging los.
„Jo? Einen Moment?“
Das Zittern beruhigte sich. Sie blieb stehen, wandte sich zu ihm: „Wer so nett fragt…“
„Ich habe es nicht vergessen, und ich möchte es auch nicht vergessen. Ich mag dich.“
Jetzt drehte er sich um, ging durch den Besprechungsraum, sein Büro lag dahinter.

Gedankenversunken saß sie im „Charls“, eine Stunde zu früh. Freitags traf sie sich dort mit ihrem aktuellen Liebhaber. Laurel, verheiratet und im Bett dominant. Sie beide mochten Strapse, er aber musste zum Abendessen rechtzeitig zu Hause sein.
Ihr Therapeut kommentierte nie etwas, das sie über ihn erzählte, erinnerte bei solchen Gelegenheiten aber gerne an ihr Therapieziel: die Entwicklung von Bindungsfähigkeit.
Wahrscheinlich, dachte sie und rührte noch einmal, zum wievielten Mal eigentlich, Zucker in ihren Cappuccino, wahrscheinlich ist das ein zu großes Ziel für eine wie mich. Eine, die Männer verschwinden lassen kann.

In der Scheune hatte sie Küche und Stube mit Herd und Möbeln aus Alufolie, Wollresten und polierten Zweiglein ausgestattet. Die beiden Räume wurden den Originalen sehr ähnlich. Dann tauchte sie ein – eine ganze Welt nur für sie. Kein Onkel, keine Eltern, sie ganz allein wohnte dort. Auch als sie später, während der Therapie den Onkel dort platzieren sollte, blieb er nur einen Atemzug, dematerialisierte sich sofort. Er beugte sich ihren Grenzen.
Sie baute weiter in der Scheune, auch noch als Teenager. Ein Haus, ein Dorf, einmal einen Turm. Von dort oben, stellte sie sich vor, spuckte sie dem Onkel auf den Kopf. Alle mussten draußen bleiben, es waren ihre Wohnsitze, nur für sie allein.

Der Cappuccino war abgekühlt, nach einem Schluck warf sie die Tasse beinahe hin, der Zucker hatte sich nicht dematerialisiert: beißende Süße.
Sie bezahlte, draußen die Stadt war sommerlich, warme Nachmittagsluft unter träger Sonne. In einer Einfahrt zog sie die Strümpfe aus und dachte an Laurel, der nun früher als geplant zu seinem Abendessen kam. Vieles hatte er zu ihr gesagt, seit sie sich kannten. Anfeuernde, schmeichelnde, provozierende Worte.

Am Wochenende, nach Fitnessprogramm und Lauftreff für „Singles“ baute sie ein Modell. Eine Küche, eine Stube, nach einigem Zögern einen Werkraum. Nach noch mehr Zögern und einem bitteren Kaffee nebst schmalem Kuchen: einen 3D-Drucker.
Montagmorgen ging sie zu Fuß ins Büro. Im Rhythmus ihrer Schritte schwangen drei Worte: Ich mag dich. Bei großen Schritten klangen sie gedehnt, bei Trippelschritten kicherten sie und sie verschwanden auch nicht, wenn sie probeweise sehr, sehr langsam ging.

Martina Lenz, 2024