Kurzgeschichten

In Unordnung

Schon als Birte das altersdunkle Parkett sah und die Orchideentöpfe, ordentlich an der Wand aufgereiht, vermutlich bis hinter der nicht einsehbaren Biegung des Flurs, wusste sie, dass hier etwas nicht stimmte.
Auch fehlten ihrer möglichen Auftraggeberin die Aura von Scham und das entschuldigende Lächeln, das alle hatten, wenn sie das erste Mal eine professionelle Aufräumerin in ihre Wohnung ließen.
Diese Mitfünfzigerin hingegen strahlte nichts als Selbstvertrauen aus. Schlank war sie, mädchenhaft schlank, wie es Birte nicht mal mit 17 gewesen war. Birte checkte ihr Auftragsblatt. Die Adresse stimmte, der Name auch, Johanna Weiß. So stand es kursiv auf dem Emaille Schild.
„Kommen Sie gerne herein.“
Die Stimme löste in Birte eine angenehme Schwingung aus, und die gereichte Hand fühlte sich glatt und kühl an. Wie ein Schmeichelstein, nur lebendig. In ihrem Körper, etwa auf Höhe des Brustbeins, nahm Birte eine Bewegung wahr. Sanfte Wellen eines Fischleins, wenn es an die Oberfläche kommt.
Birte entzog sich, trat zurück.
Sie stützte ein Klemmbrett auf ihrem Arm ab. Die Checkliste, ausgefüllt von einer ihrer Mitarbeiterinnen bei der Auftragsanfrage:
„300 Quadratmeter Altbau plus Speicher“, las sie vor, „Entsorgung Möbel und Sonstiges. Ordnen diverser Unterlagen. Komplette Schlussreinigung. Dauer insgesamt: zwei Tage.“
„Ja, lassen Sie uns das Vorgehen doch in Ruhe besprechen.“
Johanna Weiß führte Birte durch eine Doppeltür in ein herrschaftliches Wohnzimmer wie aus einem Hochglanzmagazin, machte eine einladende Geste.
Birte zögerte, üblicherweise war diese Form der Gesprächseröffnung ihr Part. „Zunächst verschaffe ich mir in der Regel einen Überblick, danach erst kann ich eine realistische Einschätzung abgeben, ob und in welchem Umfang eine Zusammenarbeit wirklich Sinn hat“, sagte sie.
„Oh, Sie lehnen auch ab?“
Birte nickte. „Kommt vor, ja.“
Auf dem Lounge Chair zwei aufrechte Kissen mit Knick, gefaltete Plaids auf der Sitzgruppe, Zeitschriften in der für sie vorgesehenen Ablage. Hier gab es nichts in Ordnung zu bringen. Auf den tiefen Fensterbänken standen ein paar Orchideen, mit Blüten, wie Birte sie noch nie gesehen hatte, sie fügten sich perfekt ins Bild. Einziger Störfaktor: Johanna Weiß‘ Kleidung. Modisches Pink und Orange, schrill, optisches Geschrei gegen die Farbharmonie der Umgebung.
„Erzählen Sie mir ein wenig über sich“, sagte Johanna Weiß, „wie wird man zur Aufräumerin? Und setzen Sie sich doch bitte.“
Wahrscheinlich ging es nur um den Speicher? Möglich, dass sie bloß Zeit verplemperte, aber Birte nahm an dem niedrigen Couchtisch Platz, hinderte mit Mühe ihren etwas zu engen Kostümrock daran, bis weit über den Oberschenkel zu rutschen. Sie dachte an die zwei Portionen Mousse, die sie am Abend vorher mit Jan geschlemmt hatte. Johanna würde so etwas wahrscheinlich nie tun, sicher aß sie diszipliniert nur halbe Portionen. Aber dafür hat sie wahrscheinlich auch keinen Liebhaber oder sogar zwei, so wie ich, dachte Birte, und der Kostümrock war ihr plötzlich egal. Also, wie wird man Aufräumerin?
„Indem man keine Lust mehr hat, als Einkäuferin für einen Konzern vom Schreibtisch aus Kosten zu drücken und lieber als sein eigener Boss herumreist, mit der Zeit sogar ein Dutzend Assistenten anstellt.“
„Und Sie machen Menschen glücklich. Sie helfen. Oder?“
„Naja, es ist und bleibt ein Geschäft.“
Johanna schüttelte den Kopf, als müsste es anders sein, sagte:
„Schon, aber kommt man nicht superzufrieden nach Hause, weil man mit seinem Team den Klienten aufgeräumte Wohnungen beschert hat und damit ein besseres Lebensgefühl? Mehr Freiheit?“
Birte räusperte sich, ließ demonstrativ den Blick schweifen.
„Was bei Ihnen hier ja nicht nötig ist, wenn ich mich so umsehe. Alles ist an seinem Platz.“
Johanna Weiß lachte. Die Oberlippe mit den senkrechten Fältchen spannte sich und hob das Lachen bis in die dunklen Augen.
„Es geht um das Büro meines verstorbenen Mannes.“
Birte machte pflichtschuldig einen Gesichtsausdruck des Bedauerns, aber Johanna Weiß sagte: „Letzte Woche war sein dritter Todestag.“

Der Büroraum war der Traum jeder Aufräumerin. Die Tür stieß beim Öffnen gegen Stapel von Zeitschriften und Ordnern. Johanna Weiß nahm Birte unvermittelt wieder bei der Hand, lotste sie über einen schmalen Pfad hinein ins Innere des Zimmers, vorbei an technischen Geräten, entlang an deckenhohen Regalen, in denen Bücher zwei- und dreireihig standen. Sie stiegen hinweg über einen Satz Golfschläger, über umgestürzte Türme von leeren Orchideentöpfen, bis sie zu einer Art Lichtung kamen, auf der ein monströser Schreibtisch stand, daneben ein wuchtiges Zeichenpult.
„Sechzig Quadratmeter? Fast vier Meter hoch, würde ich schätzen“, sagte Birte, „die Höhle eines klassischen Sammlers.“
„Es scheint Ihnen zu gefallen.“
Birte trat von dem Zeichenpult zurück, das sie gerade inspizierte.
„Es hängt davon ab, was Sie wollen. Aber natürlich kann man überall Ordnung machen.“ Einer ihrer Verkaufssprüche, von dem sie wusste, dass er nicht stimmte.
„Die Möbel und Bücher sollen an meinen Sohn gehen, er ist auch Architekt, wie mein Mann es war. Er lebt in Hamburg.“
„Das ist kein Problem, wir arbeiten mit Speditionen zusammen.“
„Das heißt, Sie nehmen an?“
Birte sah auf die Uhr. Kurz nach neun, mit Anfahrt war sie etwas mehr als eine Stunde zugange. Das Büro war ein schöner Auftrag, die Frau gefiel ihr auch. Birte hätte nicht sagen können, was sie zögern ließ.
„Ich brauche noch mehr Überblick.“
Jetzt bahnte sie sich den Weg in den hinteren Teil des Raumes, blieb abrupt vor einer merkwürdigen Collage von Gegenständen stehen. Ein mobiler Beatmungsapparat, Orchideenbücher und mehrere Mappen. Birte berührte die Schläuche, die aus der Sauerstofflasche zu einem Mundstück führten.
„Mein Mann ist an Lungenkrebs gestorben. Dass er unheilbar krank war, hat er mir erst gesagt, als er es nicht mehr verheimlichen konnte.“
„Wie lange, sagten Sie, ist er schon tot?“
„Ich dachte, ich hätte alle medizinischen Geräte entfernt.“
„Drei Jahre, richtig?“
„Entsorgen Sie das alles, oder verschenken Sie es. Ich will mit dieser Krankheit nichts mehr zu tun haben. Und mit den Orchideen auch nicht. Ich … ich bin sicher kein Einzelfall, oder? Ich nehme an, mit gestörten Witwen haben Sie häufiger zu tun.“
Birte hob vage Schultern und Augenbrauen, öffnete eine der Mappen vor ihr auf dem breiten Sideboard.
„Es gibt nicht selten Befürchtungen vor gewissen Entdeckungen, vor Geheimnissen, die posthum ans Tageslicht kommen, zumindest manchmal. Gerade wenn schon etwas Zeit vergangen ist.“
Birte zog, während sie sprach, eine Zeichnung hervor. Tat es mit sorgfältigen Bewegungen.
Ein Porträt von Johanna Weiß im Halbprofil, ihr gegenüber eine Orchidee, deren große Blüte sich wie eine kosende Hand zur Stirn neigt. In der Orchidee schien der Schöpfer des Bildes selbst präsent – so schien es zumindest Birte.
Johanna drehte sich zu ihr: „Was haben Sie da?“
Sie nahm die Zeichnung in die Hand, konnte nicht sprechen, schüttelte nur den Kopf. Birte ergriff vorsichtig ihren Unterarm, stützte sie. Da war es, der Grund ihres Zögerns: Unordnung im Gefühlshaushalt.
Jetzt eine Zigarette.
In ihrem Hotelapartment, in einer der Nachttischschubladen, die sie ohnehin nie benutzte, hatte sie eine halbvolle Packung liegen. Für Notfälle. Nach Tagen mit Begegnungen wie dieser.
Dafür fühlte sie sich nicht kompetent, solche Aufträge überließ sie in der Regel gerne anderen. Aber auf Höhe des Brustbeins regte sich das Fischlein. Und als Johanna sich lösen wollte, hielt Birte sie noch einen Moment.
„Morgen, neun Uhr“, sagte sie. „Wir werden den ganzen Tag brauchen.“

Am nächsten Abend war das Büro ein neuer Freiraum in dieser weitläufigen Wohnung. Drei Assistenten hatten unter Birtes Anleitung von früh bis spät geschuftet, hatten, während die Auftraggeberin abgetaucht war, Möbel geschleppt, Bücher verpackt, Parkett und Fenster wieder zum Vorschein gebracht. Im Gegenlicht schwebten jetzt nur noch Staubsäulen über mehreren Zeichnungen, die fächerförmig auf dem Boden lagen. Alle zeigten Orchideen, viele davon in Verbindung mit Porträts der Witwe. Birte schien jede einzelne eine Liebeserklärung, an Johanna und an die Orchideen gleichermaßen. Es rührte sie.
Wo war ihre Auftraggeberin?
Birte ging ein Stück den Flur entlang, vorbei an einer geschlossenen Tür. Klopfte vorsichtig, keine Reaktion. Unschlüssig tat sie ein paar Schritte zurück in Richtung Büro, blieb bei einer Orchidee stehen. Als einzige in der Reihe, das war ihr bereits tagsüber aufgefallen, blühte sie, alle anderen, sicher mehr als hundert Töpfe, verharrten grünbraun in der Vegetationspause.
Birte ging in die Knie, roch an der Blüte, die einem blauen Stern ähnelte. Kein Duft, aber das minderte ihre Anziehung keineswegs. Am liebsten hätte Birte einen anderen Platz für sie gesucht, hier schien sie ihr einsam. Wenn eine Pflanze überhaupt einsam sein kann, dachte sie, riss sich los.
Die Planung für den nächsten Tag stand an. Nur noch die Endreinigung des Büros. Oder würde Johanna Weiß doch noch die Räumung des Speichers ansprechen, sagen, was es dort zu tun gab?
Sicher wäre das guter Extraumsatz. Aber genauso sicher gäbe es dort weiteres emotionales Treibgut. Wollte sie sich das antun?
Birte schaute ins Wohnzimmer: leer.
Die untergehende Junisonne spiegelte sich im Parkett, die Orchideen vor den Fenstern zeichneten Schatten hinein. Zwischen ihnen, bewacht von zwei Stängeln mit Blüten, gefleckt wie Leopardenfell die eine, die anderen ähnlich einer Glockenblume, stand das Porträtfoto eines Mannes. Sie nahm es in die Hand. Nicht unsympathisch, aber sein Blick schien sie sanft zu durchdringen und sich auf etwas zu richten, das nur er sehen konnte. Verwirrend. Sie stellte das Bild rasch wieder hin.
Aus dem Büro hörte sie Schritte. Sie waren zögernd, als ginge jemand langsam im Kreis, stoppte. Birte trat in den Flur, prallte dort um ein Haar mit Johanna Weiß zusammen. Vor der blühenden Orchidee.
„Sie waren schnell. Und so sorgsam. Danke.“ Johanna lächelte. Sie hatte sich umgezogen, trug einen teuren Hausanzug, diesmal in dezenten Farben.
„Wie geht es weiter?“, fragte Birte. „Ich meine, insgesamt und mit der Pflanze hier, wie geht es mit ihr weiter?“
Sie zeigte auf den blauen Stern.
„Kommen Sie mit, Sie müssen etwas verstehen.“ Johanna Weiß berührte sie an der Schulter, ging dann ins Wohnzimmer voran, nahm das Foto.
„Das war mein Mann vor der Krankheit. Er besaß diese Gabe, mich scheinbar liebevoll zu betrachten und doch durch mich hindurchzuschauen. Eigentlich war er immer bei seiner Kunst, seiner Arbeit, seinen Orchideen. War in seiner Welt und ich stand an der Grenze.“
Sie rüttelte leicht den Bilderrahmen, als wollte sie den Mann darin liebevoll schütteln.
„Also war er mehr Künstler als Architekt?“
„Er hat viel gezeichnet, als wir uns kennenlernten. Ich wusste nicht, dass er wieder damit angefangen hat. Seine Orchideen. Und mich. Das macht alles jetzt noch schwieriger.“
„Und Sie?“
„Bitte?“
„Was machen Sie beruflich, wenn ich fragen darf?“
„Habe ich das noch nicht erzählt? Interessant.“
„Interessant?“
„Sie sind neugierig, ob diese Frau nur der Sherpa ihres Mannes war oder auch ein eigenes Leben hatte. Richtig?“
Das stimmte.
„Sie wissen ja, ich mag es, wenn sich alles gut sortieren lässt“, sagte Birte, „aber ich wollte nicht übergriffig sein. Entschuldigung.“
Birte bemerkte rötliche Flecken am Hals von Johanna Weiß. Und plötzlich wünschte sie, sie hätte das Thema nicht aufgebracht und wäre schon auf dem Weg zu ihrem Stammitaliener, um dort einen ihrer beiden Liebhaber zu treffen. Meist traf sie abends den einen und am nächsten Abend den anderen.
Ein Leben wie eine Waage, in der das Gewicht immer wieder von einer Seite zur anderen wechselt. Und sich sonst nichts ändert, dachte sie.
„Ich bin Chefredakteurin dieses Magazins.“
Johanna Weiß nahm aus der Zeitschriftenablage zwei Hefte, Ausgaben einer monatlichen Lifestyle-Publikation mit – wie sie erzählte – einem Schwerpunkt auf langen, gut recherchierten Artikeln.
„Ehemals langen Artikeln“, fuhr sie fort. „Die Herausgeber legen natürlich mehr und mehr Wert aufs Internet, auf Klicks und bunte Bilder. Große Teile des Etats gehen dorthin. Inzwischen habe ich den Ehrgeiz, auch dort Qualität zu zeigen. Und bald, so hoffe ich, werde ich dazu wieder ausreichend Energie haben.“
Sie sah Birte an. Obwohl Johanna Weiß etwas größer war, kam der Blick bittend von unten.
Birte blätterte in einem der Magazine, zeigte auf ein Foto von spiralig gedrehten Lampen. „Ich stelle es mir luxuriös vor, immer auf der Suche nach neuen Design-Trends. Ein Leben mit Dingen der Zukunft.“
„Weil Sie es eher mit denen der Vergangenheit zu tun haben?“
„Klingt wie eine Interviewfrage.“
„Hätten Sie Lust? Auf ein Interview? Gäbe vielleicht eine schöne Geschichte über Sie.“
Birte sah auf. Offensichtlich kein Scherz. Sie lachte trotzdem und klappte das Heft zu, sagte: „Tja, dann sind wir durch, morgen um neun Uhr noch die Endreinigung. Passt das?“
Johanna Weiß nahm ihr die Zeitschrift ab, ließ sie auf den Couchtisch fallen. Stellte sich Birte in den Weg. Ihr Hals war nun eine zarte rote Säule. Birte lauschte argwöhnisch nach dem Fischlein.
„Wir können auch früher oder später kommen.“
„Folgen Sie mir. Bitte.“
Johanna schien sich zu etwas entschlossen zu haben, ging ihr mit langen Schritten den Flur voran in Richtung der Biegung.
„Und würden Sie die hier bitte mitnehmen?“ Gemeint war die blühende Orchidee, nach der Birte vorhin gefragt hatte.
Birte nahm den Topf, eilte hinterher. Der Flur endete an einer breiten Treppe, glastürdämmriges Licht fiel von oben auf die Stufen.
Johanna Weiß stieg hinauf, wartete. Als Birte bei ihr war, öffnete sie langsam die Tür, es roch ein wenig exotisch, ein wenig nach Tropenhaus, und Birte trat staunend über die Schwelle.
Vor und über ihr wölbte sich eine Glaskuppel, von der gerade mit Surren eine Jalousie zurückwich und den Blick in den Abendhimmel freigab. In einen Himmel, der statt Sternen Orchideen trug. Sie hingen an riesigen, mit Flechten überwucherten Baumstämmen, sie schwebten frei im Raum, gehalten von unsichtbaren Fäden, und sie standen auf Regalen an den ehemaligen Speicherwänden. Sie waren überall.
Menschen wirkten angesichts ihrer zarten Macht wie Eindringlinge, die bald wieder verschwinden und sie ihrem geheimen Leben überlassen würden.
Birte drehte sich langsam um sich selbst. Sie war viel gereist und das, was sie hier fand, erinnerte sie an die grünen Kathedralen der Regenwälder.
„Was für ein vollkommenes Bild“, flüsterte sie und stellte sich neben Johanna, „ein Kunstwerk.“
„Vollkommen? Wohl kaum.“
Johanna streckte sich, zupfte einer Orchidee ein vergilbendes Blatt ab.
„Ich verbringe Stunden hier oben. Ich habe mal gezählt, da waren es 20 in einer Woche. Welche Orchideen soll ich vermehren, wie fülle ich die Lücken von denen, die in den Flur müssen? Krankheiten. Probleme mit der automatischen Befeuchtung. Mit der Beschattung. Wehe, die Schätzchen kriegen mal zu viel Licht. Oder zu wenig.“
Sie stieß eine Pflanze an, deren fransige Blüten sich lasziv über einen Ast ausbreiteten.
Birte hielt immer noch die blaue Orchidee, suchte nach einem Platz für sie, merkte selbst, dass es schwer war, in der Gesamtkomposition einfach so etwas zu ändern. Schließlich stellte sie den Topf auf den Boden vor sich.
„Sie suchen Hilfe für die Orchideen? Das ist nicht gerade mein Geschäft, aber ich kann Sie gerne unterstützen, jemanden zu finden.“
Johanna schüttelte den Kopf.
„Was würden Sie sagen, wenn ich Sie bäte, alle diese Orchideen hier wegzuschaffen, alles hier oben auszuräumen?“
„Ist das jetzt eine Interviewfrage? Wie auch immer – ich würde sagen, dass das mit Aufräumen nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.“
„Okay, tut mir leid, wenn ich da zwei Dinge vermengt habe. Ich hoffe, Sie glauben mir, dass ich Sie ohne jeden Hintergedanken engagiert habe. Ich hätte die Sache mit dem Artikel über Sie zu einem besseren Zeitpunkt erwähnen sollen. Das war nicht sauber.“
Johanna ging jetzt hin und her, gab weiteren Orchideen leichte Stöße. Birte sah zu und wünschte sich, sie hätte diesen Augenblick auch in einer Zeichnung festhalten können.
„Entschuldigung angenommen“, sagte sie.
Johanna hielt inne.
„Im Ernst. Ich bin die Sklavin dieser Orchideen. Aber ich will die Hände wieder frei haben.“
„Sklavin? Eher Hohepriesterin! Auch im Ernst: Für mich ist das hier heilig!“
“Heilig? Das hat noch keiner gesagt.“
Johanna kam auf sie zu: „Vielleicht hast du Recht, vielleicht ist es auf eine Art heilig. Aber das ändert nichts: Ich will diese Orchideen nicht mehr haben. Sie sollen mich nicht mehr zwingen können, ihnen meine Zeit und meine Gedanken zu widmen.“
Birte atmete tief aus.
„Lassen Sie uns über eine Lösung sprechen. Etwas so Schönes darf man nicht einfach zerstören. Aber so haben Sie das auch nicht gemeint, oder?“
Das Fischlein hatte sich freudig bewegt bei dem überraschenden Du, doch Birte wollte die intime Ansprache nicht erwidern. Johannas Blick hielt sie ab. Sie hatte sich gefasst, schien, abgesehen von immer noch roten Stellen am Hals, wieder ganz die selbstbewusste Frau.
„Sie haben gehört, was ich möchte. Entfernen Sie die Orchideen, ich brauche meine Freiheit.“
„Noch einmal, das hat mit Aufräumen nichts zu tun.“
„Geht‘s ums Honorar?“
Birte war im nächsten Moment bei Johanna, hörte, wie beim letzten Schritt die Naht ihres Rockes knackte.
Sie packte Johanna an den Unterarmen. Schob die Hände vor und zurück, wie ein Kind, das mit einem Erwachsenen Lokomotive spielt.
„Geben Sie die Wohnung auf, wenn Sie die Erinnerungen nicht ertragen. Oder beauftragen Sie ein paar stumpfe Studenten für den Job. Aber ich, ich kann diesen Auftrag nicht annehmen.“
Sie ging zur Tür, stoppte. Wenigstens die Orchidee mit dem Stern wollte sie retten. Aber Johanna wachte, schlank und aufrecht, neben dem Topf und sah Birte erwartungsvoll an.

Birte verließ die Wohnung. Entgegen ihrer Angewohnheit nahm sie nicht den Aufzug. Das Treppenhaus war dämmrig und still, die gediegenen Wohnungstüren hielten alle Geräusche unter Verschluss.
Während sie die Marmortreppe hinunterstieg, fragte sie sich, warum sie Frau Weiß innerlich immer wieder Johanna nannte. Völlig unpassend. Am besten sie ginge nun, sandte am Morgen ihre Leute zur Reinigung des Büros, und die Sache hätte sich erledigt.
Sie setzte sich auf den ersten Absatz unterhalb der Wohnung.
Jetzt eine Zigarette.
In Gedanken sah sie sich nach der Nachttischschublade greifen.
Sie stellte sich Johannas Gesicht vor, wenn sie sähe, wie sie wohnte. Die Aufräumerin im Hotel. Keine eigenen Möbel, nichts Persönliches und jeden Tag jemanden, der für sie saubermachte. Eigentlich zum Lachen. Aber danach war ihr nicht zumute.
Birtes Handy summte. Jan. Sie drückte ihn weg.
Ein leises Knacken aus Richtung der oberen Stockwerke, sie achtete nicht darauf, hatte keine Lust, Licht zu machen.
Es gab keine Lösung.
Sie konnte diesen Orchideengarten nicht auseinandernehmen und einen anderen Grund, die Treppe wieder hinaufzugehen und zu klingeln, gab es nicht.
Sie stand auf. Oben öffnete sich die Tür und das Licht ging an.
Johanna, die blaue Orchidee in den Händen, kam vorsichtig die Treppe herunter.
Ich dachte, Sie möchten die vielleicht mitnehmen.“
Birte wurden die Wangen heiß, sie streckte Johanna die Hände entgegen, um ihr den Topf abzunehmen.
„Und ich dachte, ich schenke Ihnen die Orchideensammlung. Sie können sie mitnehmen in Ihr Haus und dort wieder aufbauen. Ich würde Ihnen gerne dabei helfen.“
Birtes Hände gingen nach unten.
„Das geht keinesfalls. Ich… ich wohne im Hotel.“
Johanna lachte so, dass fast die Orchidee kippte. „Kommen Sie, wir setzen uns einen Moment. Das ist zu schön. Die Aufräumerin lebt aus dem Koffer.“
„Nicht aus dem Koffer, es ist eine Junior Suite“
„Aus mehreren Koffern.“
„Es gibt Schränke.“
Sie lachten zusammen. Dann sagte Birte: „Das mache ich seit drei Jahren so, seit meiner Scheidung.“

Sie saßen nebeneinander auf dem Absatz, die Orchidee zwischen sich. Saßen eine Weile einfach so da.
Dann wollten sie beide gleichzeitig zu sprechen beginnen, fielen einander ins Wort. „Fang du an“, sagte Birte.
„Nein, du, bitte.“
„Schreib eine Geschichte über uns, über das alles“, sagte Birte, wies auf die Orchidee und in Richtung Wohnungstür.
„Du meinst …“
„Schreib einen Artikel.“
Sie schauten sich an.
„Sicher? Ich würde wahrscheinlich noch eine Menge Fragen stellen.“
„Zum Beispiel, ob ich bald einen guten Platz für die da finden werde?“
Birte nahm die Orchidee auf den Schoß, wiegte sich leicht mit ihr hin und her. Johanna nickte. „Zum Beispiel“, sagte sie, „ja.“
„Mmmh, ich denke, das kann ich beantworten. Ich kenne da einen Trick, weißt du. Gibt es beim Schreiben auch einen Trick?“
„Du musst das Ende kennen.“
Birte griff nach Johannas Hand, glatt und kühl.
„Siehst du“, sagte sie, „so ist das beim Aufräumen auch.“

Martina Lenz, 2019