Kurzgeschichten

Übergänge

Matthias führt mich vor die Staffelei, auf der wir unsere Neuzugänge als erstes aufstellen. Sie sollen sich dort an uns gewöhnen und wir uns an sie. Ich habe das eingeführt, diesen sensiblen Übergang. Matthias ist nicht so, ihm sind eher die Fakten wichtig. Was ist ein Bild wert, kann man es gut weiterverkaufen usw.
Aber jetzt sagt er ganz geheimnisvoll, ich solle die Augen schließen.
„Nicht schwindeln, lass sie zu.“
Ich höre, dass er ein Blatt entrollt und es oben behutsam festklemmt. Ich rieche das Fixativ, ganz frisch, also Kohle. Oder Pastellkreiden. Haben wir Künstler, die mit Kreiden malen unter Vertrag?
Hat er jemanden entdeckt? Mein Herz klopft plötzlich zu schnell – hey, Entdeckungen sind mein Job, da soll er sich nicht einmischen. Bleib bei deinen Finanzen, Matthias, denke ich und mache die Augen auf.
Er steht zwischen mir und der Staffelei, ich kann das Bild gar nicht richtig sehen.
„Du musst raten, von wem es ist.“
Er ist ganz aufgeregt, ich kenne das. Diese Freude, wenn man einen Coup landet und meint, dass alles stimmt – das Bild, der Trend, die Vita des Künstlers oder Künstlerin.
„Du musst schon zur Seite gehen, wenn ich raten soll.“
Das kam unfreundlicher heraus, als ich wollte. Er ist aber auch umständlich geworden.

Dann ich sehe es, eine große Kohle-Zeichnung. Kräftige, entschiedene Striche, kein Zögern ist zu spüren, eine Idee, ein inneres Bild unmittelbar nach außen gebracht. Mich durchzieht ein Beben.
Der Fluss, das Haus. Mein Motiv, meine Vision.
Ich gehe näher heran, halte mich an der Staffelei fest. Sehe Matthias an und die Liebe in seinem Blick.
„Vorsicht“, sagt er, „es ist ganz frisch.“
Als ob ich das nicht selber wüsste. Warum hat er das gesagt? Für einen Moment war alles weg. Die Jahre, sein alter Körper. Für einen Moment war ich zurück in der Zeit – er war noch verheiratet, ich sein heimlicher Loverboy. Zugekokst und aufgeputscht mit allem, was ich kriegen konnte an Drogen. Und voller Sehnsucht nach ihm und dem Halt, den er mir gab.
„Es kann nur von Angelinka sein“, sage ich, „stimmt’s?“
Er nickt und wirkt traurig. Weil ich es so schnell erraten habe? Oder nicht dankbarer bin? Wahrscheinlich das. Aber warum muss er auch so ein Oberlehrer sein. Vorsicht, ganz frisch …am liebsten würde ich ihn schütteln.

„Hat sie es dir einfach so gegeben?“
Matthias tritt an das schmale, tiefe Fenster unserer Galerie. Es geht nach hinten hinaus, zu der großen Wiese, dahinter der Bach, fast schon ein Fluß. „Die Bach“ sagen die Einheimischen, ein weiblicher Bach. Habe ich immer seltsam gefunden – wie vieles hier.
Matthias ist auch ein Einheimischer, nur deshalb haben wir die Galerie in diesem ach so pittoresken Dorf überhaupt aufgemacht. Da war er einmal sentimental, aber er bereut es schon. Das Geschäft läuft nicht, hier geht es um Weinberge und Fachwerkhäuser. Gute Kunst interessiert nicht, unser Geld machen wir in Berlin und Frankfurt.

„Es hat aufgehört zu regnen, endlich“, sagt er.
Ich stelle mich neben ihn, unsere Arme berühren sich und er nimmt meine Hand.
Ich lasse sie ihm, draußen schäumt die Bach und kommt lehmig daher, die Wiese ist ein Sumpf.
„Angelinka“, sage ich.
„Ich habe es mir, naja, ich habe es mir ausgeliehen.“
„Du hast es ihr geklaut?“
Er nickt, schaut mich an. So von der Seite ist sein Gesicht faltig und sehr schmal.
Ich nehme meine Hand zurück, sie ist ganz heiß von der seinen.

Das hätte ich ihm nicht zugetraut, dass er das Bild einfach mitnimmt. Angelinka ist meine Entdeckung, meine Seelenfreundin. Sie hat ein Atelier oben in den Weinbergen mit Blick über das ganze Tal. Sie ist Bulgarin und abergläubisch bis in ihre rotlackierten Fingernägel. Bilder gibt sie immer nur nach langem Hin und Her raus, aber nicht wegen des Geldes, sie hat einen guten Vertrag mit uns. Es geht ihr dabei um Übernatürliches, ihre Bilder, sagt sie, „sind meine ganz persönlichen Geister.“
Ich mag das, ich mag diesen Draht in die andere Welt und wir haben uns manche Nacht zusammen betrunken, ihre „Geister“ betrachtet und schließlich hat sie in den Handel eingewilligt.
„Mein Florian“, sagt sie dann, „du hast einen guten Sinn für Spirituelles in der Kunst, das ist ganz stark.“ Sie rollt dabei das rrrr, Florrrian, starrrk, sie lacht und drückt mich. Ich glaube, ich bin so eine Art Sohn für sie. Ihr Sohn ist ertrunken, wie und wo, erzählt sie nie. Schlimme Geschichte, sagt sie, vorbei, sprechen bringt nichts.

„Was hat sie gesagt, warum sie es dir nicht geben will?“
„Wieder so irgendetwas esoterisches. Sie hat das Bild geträumt und weiß nicht genau, ob es was Gutes oder Schlechtes bedeutet. Aber eher schlecht, vielleicht stirbt jemand. Und so weiter und so weiter… Du weißt schon.“
„Aus einem Traum?“
Ich gehe zur Staffelei, vor die Zeichnung und wieder fasst es mich an.
Alles stimmt, als hätte ich es gemacht. Aber ich kann nicht malen oder zeichnen, völlig untalentiert. Leider.
Matthias umarmt mich von hinten, legt seine Stirn an meinen Nacken. War er immer so klein? Ich meine, er war immer kleiner als ich, ich bin sehr groß, aber so?

„Du weißt, was es ist?“, flüstert er, ich spüre seinen Atem an meiner Haut.
Seine Hände lösen, mich umdrehen, ihn an seinen Schultern packen, alles eins. Jetzt schüttle ich ihn wirklich.
„Matthias!“
„Entschuldige“, er flüstert wieder, „ich meine nur, du hast… du freust dich nicht, oder?“

Ich halte ihn auf Abstand, meine Hand gegen seine Schulter und schaue wieder auf die Zeichnung. Freude? Nein, es ist mir unheimlich. Es gibt nur einen Menschen, der davon weiß und das ist er. Der Matthias von damals.
Damals, als ich clean wurde, mit Matthias Hilfe, in der ersten, wilden Zeit zwischen Entzug und Gier und Hoffnung. Da hatte ich immer wieder diese Vision. Die Vision meines Lebens, die ich ihm begeistert erzählt habe:

Ich stehe auf einem sanft abfallenden Berg. Hinter mir liegt das Balancieren auf einem schmalen Steig, an einer Seite die Tiefe, an der anderen der raue Fels. Und dann habe ich den Anstieg geschafft, ab nun wird es in sanften Kurven abwärts gehen, hinunter zu einem Fluss. An dessen Ufer steht ein Haus, ein Haus fast im Wasser, nein im Wasser und dort wird mein Leben enden. Das ist der Tod, der Übergang in die andere Welt.

Genau dieses Haus hat Angelinka mit ein paar Kohlestrichen gezeichnet – groß, die ganze Leinwand füllend. Der Fluss auf dem Bild geht mitten durch das Haus, als sei er ein Teil davon, im Einklang mit allem. Ein Ort unendlicher Ruhe. Unendlichen Friedens.
„Hast du Angelinka davon erzählt, dass das meine Vision war?“
Ich habe ihn losgelassen, er schüttelt den Kopf und die Empörung über meine Frage macht ihn stärker, ähnlicher dem Matthias von früher.
„Ich darf?“ frage ich und nehme das Bild schon von der Staffelei.
„Es ist deins“, sagt er, „und du kannst ihr bieten, wieviel du willst. Ich habe einen Käufer für das hier.“
Er macht eine umfassende Handbewegung, die Galerie, das Grundstück.
Ich halte inne – so ist er auch. Er weiß, was ich tun will, ich muss gar nicht sagen, dass ich jetzt zu Angelinka gehe und mit ihr das Bild verhandle. Und so ganz nebenbei verkündet er einen Erfolg, als sei das nichts.
Er geht in das Büro hinten – auch dort ein Bild von Angelinka, ein helles, eigentlich nur ein Leuchten aus anderen Sphären. Es macht den winzigen, fensterlosen Raum zu einer Art Tempel. Finde ich.
Ich folge ihm, hole mir eine Mappe für die Zeichnung. Das Radio läuft, ein lokaler Sender. Der Dauerregen sei beendet, meldet der Sprecher, aber Flüsse und Bäche hätten Höchstpegelstände. Mit Überschwemmungen sei zu rechnen.
Bevor ich gehe, schaue ich noch einmal zum Bach. Ist er noch breiter geworden?
„Mach schnell fertig“, sage ich zu Matthias, „bevor d i e Bach noch hier reinkommt.“
Er grinst bemüht, er mag es nicht, wenn ich Witze über seine Heimat mache.

Auf der Fahrt beginnt es wieder zu regnen, die Scheibenwischer rasen, der Juliabend wird zu Dunkelgrau, bei Angelinka sind alle Zimmer erleuchtet, auch das Atelier.
Sie sitzt auf dem Diwan, schaut ruhig in den weiten Raum.
„Endlich kommst du“, sagt sie, „gut. Aber wo ist Matthias?“
Ich halte ihr das Bild hin, als kenne sie es nicht.
„Angelinka, woher hast du dieses Motiv?“
Sie nimmt es, stellt es auf die Staffelei.
„Das ist der Fluss Styx“, sie zeigt darauf, „das ist universell. Die Griechen sagten d i e Styx , ein weiblicher Fluss, die Grenze zwischen Leben und Tod.“
Ich erschaure, der Friede ist aus dem Bild verschwunden.
„Matthias kommt nach“, sage ich.
„Das glaube ich nicht“, sie sieht mich eindringlich an. Oder auffordernd, als sollte ich ihn holen?
„Lass uns was trinken, ich habe Durst“, sage ich und gehe zu ihrem Weinregal am Ende des Raums:„Weiß oder rot?“

Martina Lenz, 2023