Kurzgeschichten

Unverhüllte Enthüllung

Schon als sie sich im Beichtstuhl hinkniete und ich ihr Parfüm roch, war mir klar, dass sie keiner meiner üblichen Sünder war. Dunkle Blüten und Verheißung. Gerüche sind wichtig für mich. Ich liebe den Duft von Weihrauch, seit ich Ministrant war. Deshalb bin ich überhaupt in den Dom gegangen – auch wenn keine Messe gefeiert wird, riecht es dort heilig. Nach vergebenen Sünden und Hoffnung. Ich meine, dass die sich nicht erfüllt, weiß ich natürlich längst. Aber man kann ja mal so tun als ob. In den Beichtstuhl wollte ich erst gar nicht, ich hatte das nicht vor. Dann sah ich wie ein Priester den seinen verließ, sich über den Mund strich und lächelnd wegging. So zufrieden. Wie Sie wissen, hatte ich zu der Zeit wenig Anlass zur Zufriedenheit. Ich betrat den Beichtstuhl, zog die Vorhänge hinter mir zu. Das Holz knarrte, es hieß mich willkommen. Ich saß nur, überlegte, wie es weitergehen sollte. 1200 Stellen bei Ford abgebaut. Ich war Teamleiter Lackierung, After Sales Service. Ich mag es, wenn Dinge wieder glatt sind. Wenn die Kunden kamen, weil sie sich eine Beule gefahren hatten, erklärte ich ihnen genau, was ich vorhatte. Spachteln, schleifen, lackieren, wenn möglich. Wenn nicht – austauschen. Es waren gute Gespräche. Letztendlich geht es doch im ganzen Leben darum. Reparier die Macken, schleif sie, Lack drüber, weiter geht’s. Hat fast immer funktioniert. Oder austauschen. Meine Frau hat mich ausgetauscht. Kurz vor meiner sozialverträglichen Entlassung. Ich war ja schon knapp vor der Rente. Ich hing ihr zu viel im Netz rum. Dabei bilde ich mich dort weiter, höre Podcasts. Sie meinte, ich gucke Pornos. Das stimmt nicht. Ich hab’s mal probiert, aber das ist nichts für mich. Zu primitiv. Nein, ich höre Theresa Lachners „Lustprinzip. Sie meinen jetzt natürlich das sei so Stöhn- und Keuchzeugs. Völliger Quatsch. Ein kluger Podcast einer klugen Frau. Thema ist zum Beispiel „Religion und Sexualität“. Ich sehe, Sie glauben mir nicht. Machen Sie sich doch selbst ein Bild: https://bit.ly/30OLLDB.
Ich habe meine Frau eingeladen, sich das mit mir anzuhören, Sie wollte nicht. Für sie war ohnehin fast alles schlecht, was aus dem Netz kam. Außer Amazon und „Grey’s anatomy“. Das kennen Sie wahrscheinlich. Sehen Sie, das kennt jeder, deshalb war es für meine Frau auch okay. Und den DABT- Podcast, kennen Sie den? Nein, natürlich nicht. Da hatte sie vielleicht sogar Recht, in den kroch ich wirklich fast hinein. Depressionen, Abhängigkeit, Borderline. Wahnsinnig spannend. Was die Leute alles haben.
Plötzlich das Geräusch von Hosenbeinen, die hochgezogen wurden. Hinknien. Durch die Rauten des Beichtstuhlgitters sah ich ein junges, männliches Gesicht. Leise Frage: „Monsignore Peters?“ Ich brauchte einen Moment. Peters? Der Priester vor mir musste vergessen haben das Namenschild draußen abzunehmen. Ich trug ein dunkles Hemd, darüber ein fast schwarzes Sakko. Damals noch kein Collar, natürlich kein Collar.
„Monsignore Peters musste überraschend weg, ich vertrete ihn. Willkommen, mein Sohn.“ Und jetzt schnell, bevor er es sich anders überlegte, das Kreuzzeichen. Er machte mit.
„Was bedrückt dich, mein Sohn?“ Ich lächelte. Kunden nehmen ihre Probleme leichter, wenn man ihnen einen positiven Gesichtsausdruck zeigt. Und fassen Vertrauen. Er lächelte zurück, dann brach es aus ihm heraus. Seine Frau war zum ersten Mal schwanger und er hatte ein tolles Jobangebot in Hamburg. Aber sie wollte Köln nicht verlassen. Tat er Unrecht, wenn er trotzdem ging? Unrecht im Sinne einer Sünde, fragte ich und zeigte mit meinem Tonfall, dass ich das für abwegig hielt. Er beharrte darauf. Ja, eine Sünde. Das war das Schwierigste an meiner Arbeit im Beichtstuhl, kann ich heute sagen. Die meisten, die beichten gehen, wollen nicht von ihrer Überzeugung lassen, dass sie Sünder sind. Dadurch kam ich erst auf die Idee, dass sie eine andere Art von Freisprechung brauchen. Eine, die wirklich hilft. Im Netz gibt es eine Studie, die besagt: Menschen, für die gebetet wird, wenn sie krank sind, heilen schneller und haben weniger Komplikationen. Sie wollen das nachlesen? Bitte, hier der link https://bit.ly/3jCBwLr.
Warum sollten meine Sünder nicht von ihrer Überzeugung loskommen, wenn viele sie im Gebet freisprachen. Hunderte, Tausende, Millionen.
Aber das kam später. Zurück zu meinem ersten Kunden. Ich nannte sie später Kunden. Die Gespräche, mit ihnen unterschieden sich nämlich kaum von meinen früheren Auftragsgesprächen. Wenn du zwischen zwei unvereinbar scheinenden Alternativen stehst, wähle ein ‚Sowohl-als-Auch‘. Man kann nach einem Crash ein Teil lackieren und das andere austauschen. Das empfahl ich diesem jungen Mann: Warum nicht eine Weile eine Wochenendbeziehung führen? Hier sein und trotzdem gehen. Seine Augen leuchteten. So naheliegend, aber er war nicht darauf gekommen. Trotzdem wollte er eine Freisprechung. Prophylaktisch sozusagen. Ich weigerte mich. Sagte ihm, er solle mit seiner Frau reden und morgen wiederkommen. Selbe Zeit, selber Ort. Er werde mich auch ohne Namensschild finden.
Nach der Beichte ging ich euphorisiert nach Hause. Wiederholte innerlich einzelne Passagen und war so zufrieden, wie schon lange nicht mehr. Schade, dass man so etwas nicht aufzeichnen konnte. Konnte man nicht? Beichtgeheimnis? Sakrament? Verhüllte Enthüllung, wie Theologen das nennen. Habe ich auch aus dem Netz. Langsam reifte der Plan. Abends hörte ich mehrere Folgen von DABT-Podcast. Sie hatten noch keine Zeit, sich das anzuhören? Bitte: https://bit.ly/30OLLDB. In einer Folge berichtete eine junge Borderlinerin von ihrem Missbrauch. Zum ersten Mal hörte ich, wie grausam der Interviewer ist. Er führte sie vor, fand ich – ohne Herzenswärme zwangen seine Fragen sie, die schrecklichen Ereignisse wieder wachzurufen. Da war mein Gespräch viel besser. Reif und klug war ich gewesen. Emphatisch.
Aber DABT hat ein großartiges Geschäftsmodell. Alles anonym, sowohl der Interviewer als auch seine Talkgäste. Er finanziert sich durch Beiträge über Bezahl-Plattformen. Und natürlich hat er sich einen überwölbenden Sinn gegeben: ‚Wider die Stigmatisierung psychischer Krankheiten‘. Ehrenwert. Aber mein Claim war besser: ‚Finde Erlösung durch das Gebet tausender‘.
Den Rest kennen Sie. Ich wählte das Pseudonym Mon_Signore für meine accounts. Instagram, Twitter usw. Ich sammelte erste follower mit spirituellen Sinnsprüchen und Fotos. Ich bestellte mir Collarhemden. Ich gefiel mir darin, das weiße Band machte mich noch seriöser. Die Domschweizer und Schweizerinnen überzeugte ich damit spielend. Täglich nach Ende der offiziellen Beichtzeiten ging ich in meinen Beichtstuhl und ließ eine Fußspitze heraushängen. So fanden meine Sünder mich und ich zeichnete ihre Beichte auf. In meinen accounts warb ich, dass ich täglich zur angegebenen Zeit in Köln an einem würdigen Platz wäre. Dem würdigsten. Man solle der Fußspur folgen. Den Dom nannte ich selbstverständlich nicht. Sobald ich die ersten zehn Beichten aufgezeichnet hatte, ging ich online. Den Beginn machte der junge Mann, der noch einmal gekommen war. Schließlich hatte ich ihn doch von der Sünde einer Wochenendbeziehung freigesprochen. Manche Leute brauchen eben für alles eine Erlaubnis. Die Klickzahlen des Podcast gingen stetig nach oben. Kurz vor dem Corona-Lockdown hatte ich die Zehntausend erreicht.
Ich ließ meine Follower zu den Beichten abstimmen:
‚Wenn Sie Gott wären, würden Sie für diesen Menschen beten und ihn freisprechen? ‘ Es war, wie ich gedacht hatte – alle bekamen ihre Erlösung. Den größten Zuspruch hatte die Beichte eines Mannes, der im Suff sein Kind geschlagen hatte. Er weinte und klagte sich an. Bereute. Beruhigte sich, als ich ihm versicherte, dass die starke, spirituelle Energie vieler, die ähnliches erlebt hatten, ihm helfen würde. Er solle gut in sich hineinhorchen, dann würde er es spüren. Nach kurzem kam er wieder. Erleichtert, ruhiger. Trank für den Moment nicht mehr.
Seither weiß ich: Das Netz liebt diejenigen, die sich preisgeben und dabei alles offenbaren.
Was ich gemacht hätte, wenn er das Kind erschlagen hätte? Nichts natürlich – auch ich wollte das Beichtgeheimnis wahren. Und ob ich nicht Angst vor einer Anzeige hatte? Wieso sollte ich? Die Kunden kamen wegen des Podcast. Ich hatte ihn ehrlicherweise ‚Unverhüllte Enthüllung‘ genannt. Aber die ersten zehn Kunden? Ach ja.
Alles ging gut, ich bekam sogar Überweisungen via steady. Dann kam sie. Dunkle Blüten und Verheißung. Ich habe mich sofort in sie verliebt. Alleinerziehende Mutter. Die Ausbildung ihres Sohnes finanzierte sie durch nebenberufliche Prostitution. Ihr Problem rührte mich zu Tränen. Sie fand es eine Sünde, dass sie ihm nicht das ganze Geld zur Verfügung stellte. Hin und wieder zweigte sie etwas ab. Für Schuhe, einen Abend mit einer Freundin. Ich wollte sie in den Arm nehmen, ihr Schutz und Schild sein. Aber ich blieb meiner priesterlichen Maske treu. Versprach ihr Lossprechung durch die vielen. Sie ging getröstet. Und nun bat ich zum ersten Mal meine Follower für mich zu beten. Dass die Liebe meines Lebens wiederkommen möge. Ich wollte sie bei mir haben. Ihr Gesicht. Oval und das Kinn so zart. In einer Ecke des Beichtstuhls brachte ich einen unscheinbaren Haken an. Durch das Gitter war die Stelle nicht einsehbar. Die Gebete halfen. Sie kam wieder, schon nach zwei Tagen. Mein Handy hing an dem Haken, mit eingeschalteter Kamera. Zu Hause konnte ich mich nicht sattsehen. Das dunkle Haar glänzend durch die Rauten. Die kleinen Hände, wenn sie gestikulierte. Bald kam sie täglich. Als sie mir gestand, dass sie sich verliebt hatte, brach ich fast zusammen. Nein, es war keiner ihrer Kunden. Aber er war in festen Händen. Unerreichbar. Die Trauer in ihrer Stimme erstickte meine Eifersucht. Wie konnte ich herausfinden, wer es war?
Der Corona Lockdown beendete alle Überlegungen. Der Dom geschlossen, meine Arbeitsstätte unerreichbar. Ich saß zu Hause, surfte, zog mir Serien rein. Nichts war glatt in meinem Leben. Alles rau, uneben. Dann stieß ich bei amazon prime auf die ‚Dornenvögel“. Ein Priester, unerreichbar. In den festen Händen Gottes. Da verstand ich endlich. Ich war der Mann, den meine Ersehnte liebte. Nach zwei schlaflosen Nächten wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich postete das Video ihrer letzten Beichte auf allen meinen Kanälen und enttarnte mich. Mon_Signore ist Ingo Lambert, Lackierer. Geliebte, bitte melde dich. Ich erntete große Begeisterung und einen kleinen Shitstorm. Das Video verbreitete sich in rasender Geschwindigkeit. Sie sah es und kontaktierte mich. Seither sind wir ein Paar und sie ein Internetstar. Die Geliebte des falschen Priesters. Talkshows, Interviews. Marius Lanzen wollte von ihr wissen, wie es ist, einen Mann zu lieben, der das letzte Tabu gebrochen hat. Und dafür nun wohl zu Recht einen Prozess erwarten kann.
Ist es zu Recht, Herr Anwalt? Ah, ein juristisch kniffliger Fall, sagen Sie. Ob der Bruch des Beichtgeheimnisses durch einen Nicht-Priester strafbar ist, unklare Sache. Es gäbe offensichtlich keine Geschädigten. Außer vielleicht demjenigen, der die Anzeige erstattet hat. Ausgerechnet der Sohn meiner geliebten Marcia. Religiöser Trottel. Hat nicht verstanden, dass auch Gott jetzt im Netz ist. Aber wie auch immer, Sie werden das glatt kriegen, Herr Anwalt. Gleich kommt Marcia, um mich abzuholen. Wir müssen zu einem Agenten. Netflix will unsere Geschichte verfilmen. Apple TV hat auch Interesse. Alle Großen des Netzes eben. Hoffentlich ist das kein fieser Trick. Eigentlich brauchen sie uns dafür gar nicht. Sie wissen ohnehin schon alles über uns. Sie könnten uns austauschen.

Martina Lenz, 2020

Veröffentlicht in der Kölner Literaturzeitschrift Kliteratur #6, 2020