Der Roman

„Der zweite Lauf“ lautet der Arbeitstitel meines Romans. Und hier geht’s direkt zur Leseprobe mit den ersten vierzig Seiten. Ich freue mich sehr, wenn ihr lest und mir Feedback gebt – ich hoffe, eure Reaktionen und Kommentare helfen mir zu entscheiden, ob ich noch einmal einen Verlag suche, oder ob ich selbst veröffentliche oder oder…

Inhalt & Entstehungsgeschichte

Alles begann mit dem Bild des strudelnden Wassers, in dem etwas Lebendiges versank. Waren es Kätzchen? Stand ich wirklich als Fünfjährige mit meinem Onkel auf einer schmalen Brücke und sah das Ding im Strudel um sein Leben kämpfen?


Oder waren die beiden Fuchsjungen der Impuls? Ein Coaching-Kunde erzählte mir davon, als Kind spielte er mit ihnen. Die Erinnerung ist ein trügerisches Geschöpf und doch, so scheint mir, beginnt jedes Schreiben mit ihr.

2019 entstand das Kapitel mit den beiden gezähmten Füchslein, dem zehnjährigen Josef und dessen brutalem Vater. Die Szenerie gestaltete ich, wie ich sie aus meiner Heimat kenne: Gletscher, ein kleines Dorf hoch oben in den Bergen, Skifahren, Sport, Tourismus und Schützenvereine mit sehr konservativen Ansichten – Tirol wie es war und heute noch ist.

Die Geschichte wuchs über die Jahre weiter in mir. Ich fragte mich, was passiert mit einem Menschen, wenn er unter solchen Bedingungen, seelisch verletzt, aufwächst. Einiges davon wusste ich aus eigener Erfahrung, aber natürlich wurde Josef eine ganz eigenständige Figur.
Ein Mann mit einer besonderen Begabung, er hat ein fotografisches Gedächtnis für Maschinen und Motoren. Und er ist ein attraktiver Mann – die Frauen mögen ihn.
Aber hilft ihm das, gut durchs Leben zu kommen – bei dieser Ausgangsposition?
Bei einem dominanten Vater, der den Sohn als Kind und Jugendlichen für die eigenen Zwecke einsetzt und ihn in seiner Entwicklung hemmt.
Soviel kann ich verraten – ja, er schafft es. Aber erst greift er zu zerstörerischen Hilfsmitteln – er wird ein von seiner Arbeit besessener Maschinen-Nerd. Seine inneren Spannungen gleicht er mit Alkohol aus – klar, so wie er aufgewachsen ist liegt das nahe. In Tirol sagt man zur Begrüßung nicht immer „Servus“ oder „Griass Di“. Oft ist das erste: „Magst a Schnapserl?“ Und ein gestandener Mann oder einer, der ein gestandener Mann sein möchte, sagt da nicht nein. Er muss schon zeigen, dass er was vertragt.
Also eine gefährlich Mischung, sie kann zu großem Erfolg und tiefer Niederlage führen. Genau das passiert Josef.

Ähnliches kenne ich auch aus meinem Leben und aus dem Leben vieler Menschen, die ich als Coach unterstützen durfte. Erfolg und Niederlage sind Geschwister – oft ist es eine Lebensaufgabe zu lernen, wie man mit beiden maßvoll umgeht.
Über viele Jahre war ich als Journalistin ein perfektionistischer Workaholic. Ich lebte gut mit meinem Tunnelblick – bis ich merkte, dass meine Beziehungen im Team und auch privat brüchig waren, kein Verlass darauf, kein Boden unter den Füßen.
Die Niederlage kam, das Scheitern meiner Ehe, ich musste meinen Alkoholkonsum überprüfen und einsehen lernen, dass ich eine Suchti bin, eine Abhängige.
Das alles ist lange her – ich lebe seit 30 Jahren abstinent und bin dankbar dafür.

Und ich durfte soviel lernen in meinem Leben – ich durfte meine Erfahrung als Journalistin und die Erfahrungen, die ich mit mir in meiner Krise machte, zusammenführen. Ich konnte mir viele, sehr gute und intensive Ausbildungen zum Coach leisten. Als Business-Coach mit TV- Hintergrund war ich sehr erfolgreich. Und ich hatte inzwischen gelernt, mit meinen Erfolgen maßvoll umzugehen – so wurden auch allfällige Niederlagen verkraftbar.
Das war mein Weg. Auf diesem Weg traf ich auch meinen zweiten Mann, meine große Liebe!

Und Josef? Kriegt er auch die Kurve? Und wenn ja, wie?
Ihm hilft zum einen die Liebe zu seiner Tochter Nadja. Zum anderen die Einsicht, dass auch er sich seinen inneren Dämonen stellen muss. Nach langen Jahren des Unterwegs-Sein in Deutschland und der Welt, kehrt er nach Hause zurück, in den kleinen Gletscherort St. Luz. Er konfrontiert seine Vergangenheit, seinen Vater – und erkennt, dass sein Schicksal in seinen eigenen Händen liegt. Nur dort, er allein ist der Gestalter seines Lebens, egal welche schlimmen Dinge er in seiner Jugend erleben musste. Diese Erkenntnis ist ein Geschenk – jetzt endlich kann er der Mann werden, der er sein kann.

Hier nun die ersten 40 Seiten dieses Romans, die Geschichte von Josef Bucherer.

Ich freue mich sehr, wenn ihr lest und mir Feedback gebt – ich hoffe, eure Reaktionen und Kommentare helfen mir zu entscheiden, ob ich noch einmal einen Verlag suche, oder ob ich selbst veröffentliche oder oder…

Leseprobe „Der zweite Lauf“

Incheon, Februar 2005
1

Nein, er träumte nicht, Josef ließ seine Hand über das Leder des Sitzes gleiten, er spürte es glatt und kühl. Hier war er, auf dem Weg nach Südkorea, saß in der Business-Class als Leiter eines Millionenprojekts und Elke und Nadja, seine beiden Lieben, waren mit dabei. Ein triumphierendes Juchzen drängte sich in seine Kehle, wie früher, wenn er auf einem Gipfel stand. Er unterdrückte es und erhob sich halb, um seiner Frau und Tochter einige Reihen weiter hinten zuzuwinken. Doch die Stewardess schloss gerade den Vorhang zur Economy-Class, die Stimme des Kapitän kündigte das baldige Erreichen der Flughöhe und das Essen an. Josef ließ sich in seinen Sessel zurück gleiten, ah, so bequem. Später, er würde später zu ihnen gehen.

„Na, was sagst du? Schon korrekt, hier vorne.“
Long-Pete, sein zweiter Mann auf dem Projekt, saß neben ihm und genau eine solche Bemerkung hatte Josef von ihm erwartet, von diesem alten Projekt-Haudegen.
„Ja“, Josef sah ihn an, das hagere Profil, die Kerben am Mundwinkel, „sehr korrekt.“ Er hatte sich Long Pete nicht ausgesucht, er war ihm von ihrer Firma, genauer von ihrem gemeinsamen Chef Dr. West, zugeteilt worden. Josef hätte lieber jemand jüngeren gehabt, eher sowie er selbst. Schnell und hungrig.
Long Pete hatte ihm den Fensterplatz überlassen, eine nette Geste, ja. Aber den Spruch dazu hätte er sich sparen können: Was von‚ ist ja dein erstes Mal hier vorne und dass Josef sicher aufgeregt sei.
Nein, alter Mann, dachte Josef, ich bin nicht aufgeregt, nur mega gespannt, und stell dir vor, ich mag das: es macht mich nämlich noch besser.
Die Stewardess kam zum zweiten Mal mit dem Champagner, ob Herr Josef Bucherer vielleicht jetzt einen kleinen Aperitif wolle?
Sie lächelte ihn an, sie hätte gerne geflirtet, das sah er sofort, Frauen lächelten ihn oft so an, aber er lehnte beides ab, das Getränk und den Flirt. Ob sie ihm eine Cola bringen würde?
Gerne, gleich, sie goss Long Pete ein und öffnete dann eine Cola für Josef, reichte sie ihm. Long Pete verfolgte den Vorgang aufmerksam. War das Spott in seinen Mundwinkeln?
„Ich mag das Prickelzeug nicht“, sagte Josef rasch und hob sein Glas:
„Auf das Projekt und gute Zusammenarbeit.“
Long Pete lachte: „Ne, nicht mit Cola, das machen wir gleich richtig.“

Nach dem Essen erzählte Long Pete von den Zeiten, als im Flugzeug noch geraucht werden durfte und dass er seit Jahren für Glens weltweit unterwegs war, auch in Südkorea.
„Da fliegt das Eisen durch die Luft“, er sagte es mit Kennermiene, fast schnalzte er mit der Zunge. Da fliegt das Eisen durch die Luft. Josef erinnerte sich gut, den Spruch hatte er schon als Azubi bei Glens gehört und seit damals zog es ihn in diese boomenden, asiatischen Länder, wo in rasendem Tempo produziert wurde. Da schlug ein anderer Takt als im braven, langsamen Deutschland, das passte zu seinem Rhythmus. Josef trommelte einen Triumphmarsch auf der Armlehne und ignorierte Long Petes gönnerhafte Miene.

Die Stewardess kam und fragte nach weiteren Wünschen: Kaffee, Tee, Spirituosen? Long Pete bestellte einen Whisky, Josef nahm einen Espresso und überlegte hin und her: wie sollte er das nun machen? Hätte er Elke nicht versprochen… hätte, hätte liegt im Bette. Er entschied sich für einen Gin-Tonic.
Sie warteten schweigend, Josef fand es nicht angenehm. Los, er musste etwas sagen, das Gespräch führen, er war der Chef. Er öffnete den Mund, Long Pete kam ihm zuvor:
„Interessante Idee, die Familie mitzubringen – beim ersten Job als Leitender.“
Wollte er ihn provozieren? Meinte er, Josef trickse mit den Kosten? Schief gewickelt, mein Freund, dachte Josef – seinen Flug bezahlte Glens, Business Class war üblich bei Langstreckenflügen, Elkes und Nadjas Plätze bezahlte er selbst.
Die Stewardess brachte die Drinks, stellte den Whisky ab, goss für Josef das Tonic ein und wollte den Mini-Gin aufschrauben.
„Danke, das mache ich selbst“, Josef beugte sich vor und nahm ihr das Fläschchen ab. Sie lächelte ihn wieder an, dieses Mal lächelte er zurück und schraubte langsam und umständlich. Long Pete fischte einen seiner Eiswürfel aus dem Glas, sagte was von „dünner Plörre“ und war abgelenkt, jetzt schnell: Josef ließ den Gin in der Sitztasche vor ihm verschwinden.
Sie stießen an, Josef dachte, dass es ganz schön absurd war, was er hier abzog und sagte: „Santè! Auf unser erfolgreiches Projekt. Und was Elke und Nadja anbelangt – sie sind eine Woche dabei, dann fliegen sie zurück.“
„Naja, jeder wie er mag. Das Projekt ist schon schwierig genug.“
Josef wollte eigentlich gar nicht wissen, was dort los war, lieber verschaffte er sich selbst einen Eindruck. Aber dann fragte er doch. Zeitdruck, aha, na ja, wird schon nicht so schlimm sein, sagte er, das kriegen wir hin, er habe seine Projekte bisher immer pünktlich abgeschlossen.
Er sah wieder aus dem Fenster, Luftbewegungen unter ihnen zerrten die Wolken auseinander, raubten ihnen die Festigkeit. Bei dem Auftrag ging es um eine seiner Lieblingsmaschinen, 170 Tonnen schwer, deutsche Maschinen für koreanische Schiffsmotoren. Sein Job war es, den Koloss aufzubauen und zu einem Präzisionswerkzeug zu machen. Er würde es gut machen, Probleme hin oder her, er wusste, was er konnte.
Durch große Löcher in der Wolkendecke, konnte er jetzt bis nach unten sehen, da waren helle Flächen auf dunklem Boden, wahrscheinlich Äcker. Was würde wohl sein Vater sagen? Der Sohn Projektleiter mit gutem Gehalt, steuerfreier Auslandszulage, genügend Geld, um nicht mehr darauf zu achten, wieviel am Monatsende noch da war. Josef trank das Tonic aus, ach was, wieso dachte er überhaupt an den Alten, Hauptsache, er war nicht so wie der.

Den nächsten Whisky ließ er Long Pete alleine bestellen, in der Economy-Class waren sie inzwischen auch mit dem Essen durch, das hörte er. Eben öffnete er seinen Sitzgurt, um nach hinten zu gehen, da kam Elke schon zu ihnen.
Long Pete erhob sich, er wirkte überrascht, bisher hatte er sie nur in einem voluminösen Mantel gesehen.
„Schöne Farbe, steht Ihnen ausgezeichnet“, sagte er- sie trug einen ihrer Lieblingspullis, aprikotfarben zu ihrem dunklen Haar, er betonte ihre üppige Figur.
In dem Moment kam die Stewardess mit dem Whisky, war irritiert von der Situation und stellte das Glas auf Josefs Tablett.
Er sah auf Elkes Stirn die tiefe Falte erscheinen, ihre ‚Wie? Ich verstehe das nicht-Falte‘ und ihre Augen wurden für einen Moment starr. Aber rasch schaltete sie um, sagte munter zu Josef:
„Geh du doch kurz zu Nadja, ich möchte auch mal in der Luxusklasse sitzen.“
„Gerne, mein Schatz“, er drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Munter konnte er auch.
Im Weggehen hörte er sie mit Long Pete plaudern und lachen. Sie war souverän, egal in welcher Laune sie war und wie unsympathisch ihr Gegenüber. Doch Long Pete schien sie zu mögen.

Nadja versank in ihrem Sitz, mit den großen Mickey-Maus Kopfhörern sah sie aus wie ein fünfjähriger Pilot. Auf ihrer Stirn zeigte sich dieselbe Falte wie bei Elke, schweres Nachdenken. Josef hätte sie am liebsten hochgenommen und gekuschelt. Aber natürlich hätte sie sich dagegen gewehrt, ‚Papa, ich bin kein Baby‘, kuscheln nur, wenn sie es wollte. Gott sei Dank wollte sie es noch oft, er war ja auch ihr ‚Papa Jobär‘. Auch das hatte sie von Elke, in guten Zeiten war das ihr Kosename für ihn.
Nadja hörte eine Kinderkassette, Josef setzte sich neben sie und fragte lautlos: „Bibi Blocksberg?“ Sie nickte, hob den Kopfhörer an, wollte er mithören? Danke nein, er schickte ihr ein Flugbussi.
Zurückgelehnt streifte sein Blick über die Köpfe in den Reihen vor ihm. Wirklich eng hier, im Vergleich. Wie schnell man sich an Luxus gewöhnte. Elke würde es trotzdem nicht lange vorne halten. Nein, die Situation von eben würde ihr keine Ruhe lassen. Und dann… er verdrehte die Augen, dann würde es wieder anstrengend.
Josef griff nach Elkes Buch in der Sitztasche. Ein Krimi, sie hatte ihn geöffnet hineingestopft. Überall ließ sie ihre Bücher mit dem Rücken nach oben rumliegen, auch zu Hause. Wenn er sie dann nahm und sich festlas, gab es Streit. Netten Streit. Früher zumindest.
Er sah zu Nadja, ihre Augen waren fast geschlossen, schlief sie? Vorsichtig griff er nach den Kopfhörern, aber nein, sie war sofort ganz wach und protestierte, wollte weiter hören.
„Klar mein Schatz“, er gab ihr einen Schmatz auf die Stirn. Sie kicherte, er klappte die Armlehne zwischen den Sitzen hoch. Okay? Sie nickte und kuschelte sich in seinen Arm. Er fühlte die schmalen Schultern und atmete flach, um sie nicht zu stören. Ihre Kinderhand lag auf seiner, in der anderen hielt er Elkes Krimi. Lesen war grad nicht drin.

2

Okay, so sah also der Strand von Incheon aus. Grauer, grober Sand mit dunklen Schlieren. Eine kleine Bucht, die auf beiden Seiten an Industrieanlagen grenzte, hohe Drahtzäune, hohe Laternenmasten.
Josef stand im dicken Parka, sah auf das Meer und breitete die Arme aus. Ah, diese Weite nach dem langen Flug. Der Wind trieb Wellen mit Schaumlippen vor sich her, Möwen kreischten und die Luft war kalt und salzig.
Er ging ein paar Schritte am Wassersaum entlang, spähte in den Dunst. Dort hinten, wo die Küste nach vorne sprang, das waren doch Gebäude, Hallen – war das die Werft? Sein Blut sirrte mit einer Extradosis Adrenalin, er konnte es kaum erwarten hinzukommen.
Wo blieb Elke? Sie hatte versprochen, auch gleich mit Nadja loszugehen. Nur noch Pipi und was noch alles war. Und ihr Streit aus dem Flieger hing noch zwischen ihnen. Aber immerhin, zusammen wollten sie noch was von der Gegend sehen, bevor es dunkel wurde. Der Himmel lag tief über dem Wasser, tönte das Licht grau, viel Zeit blieb nicht. Und er wollte mit Long Pete im Anschluss auf die Werft, wenigstens kurz Hallo sagen und checken, ob die Maschine gut eingetroffen war.
Er drehte sich um. Der Weg zum Hotel, den er gekommen war, führte durch niedrige Flachdachbauten. Wie Spielzeug lagen sie vor einer Reihe Hochhäuser, eines davon war ihr Hotel. Nicht gerade einladend, eben eine südkoreanische Industriestadt im Winter. Musste man nicht haben. Also er schon, aber Elke?
Ah, da kamen sie, noch kaum zu erkennen. Aber wer würde sonst um diese Zeit mit einem Kind im roten Anorak zum Strand gehen?
Aber Elke wollte ja unbedingt eine Woche mitkommen. Ihm passte es nicht wirklich, er brauchte niemanden, der auf ihn aufpasste, aber das sagte er nicht. Nicht noch ein ernstes Gespräch über ihn und seine Beweggründe und was sonst noch. Von dieser Art Gespräche hatten sie jede Menge, seit er den Lappen abgeben musste.
Mit der Fußspitze kickte er ein dunkles Stück Holz. Da und da, jedes Mal fiel es stumpf in den Sand.

Na, wars schön?
Das hatte er Elke gefragt, im Flieger, als sie von vorne, aus der Business-Class zurück kam.
Sie nickte, er wollte ihr Platz machen, doch sie beugte sich über Nadja:
Komm, meine Süße, Elke löste den Sicherheitsgurt ich bring dich mal zu Long Pete. Da hat man eine schöne Aussicht. Und viel mehr Platz.
Nadja gähnte und wollte lieber ihre Kassette zu Ende hören.
Erst als sie erfuhr, dass sie das auch bei Long Pete machen konnte und der sich freue, von ihr was über Bibi zu erfahren, ging sie mit. Sie lernte gerne neue Leute kennen, da war sie wie Elke.

Zurück setzte sich Elke neben ihn, die Falte auf ihrer Stirn war tief.
Du hast es mir versprochen, Josef.
Sie sagte es leise, aber die Bitterkeit in ihrer Stimme trieb ihm die Hitze ins Gesicht.
Ich habe Tonic getrunken, mein Glas stand auch noch dort, falls du genau hingesehen hast. Der Whiskey war für Long Pete.
Gute Geschichte.
Ich kann ja schlecht jetzt den Gin aus der Sitztasche holen.
Sie schwieg. Er sah auf den Hinterkopf vor ihm, dachte nebenher, dass er hoffentlich nie eine Glatze bekäme, und schwieg ebenfalls. Hinter seinem Brustbein spürte er Druck. Wer war er denn, dass er sich so rechtfertigen musste.
Okay, kam es nach einer Weile von Elke, okay.
Er wartete. Noch was? Nein, sie lehnte sich zurück, schloss die Augen.
Von wem war eigentlich der Krimi? Ah, einer von den Skandinaviern. Die waren meistens gut. Er bog das Buch in Form, schlug die erste Seite auf.
Vermisst du es?
Was?
Den Gin im Tonic?
Komm, Elke, lass es, wir haben genug darüber geredet.
Ich meine, wenn du es vermisst…
Nein.
Was meinst du, nein?
Das heißt, nein, ich vermisse nichts. Okay, jetzt!
Das war gelogen, aber das ging sie nichts an. Er trank immer mal wieder ein paar Tage nichts. Dann nahm er beim Handballer-Stammtisch nur eine Cola, auf Bier und Schnapserl mit seinem Freund Vinz im Wohnzimmer verzichtete er auch. Vor allem, wenn es ein bisschen viel gewesen war, vorher. Klar vermisste er es. Zwei drei Bierchen und er fühlte sich entspannt wohl in seiner Haut, entspannter als es Sex oder Sport je bei ihm schafften – aber der Verzicht war seine Entscheidung und das war der ganze Unterschied.
Gar nicht? Dann verstehe ich nicht, warum du Long Pete nicht sagen kannst, dass du nichts mehr trinkst?
Ganz langsam bog er den dicken Krimi in die eine Richtung, dann zurück in die andere.
Den nehme ich mit nach vorne, okay? Er löste seinen Sicherheitsgurt.
Nur, wenn du mir sagst, warum.
Er stand auf: schaute auf sie hinunter, ihr schönes Haar, die Hände mit den rot lackierten Fingernägeln.
Wenn ich sage, dass ich nichts trinke – dann stehe ich bald als komischer Heiliger allein in der Ecke.
Sie hob die Achseln:
Man muss ja nicht immer sein wie alle, vor allem wenn einem dann der Führerschein abgenommen wird.
Er setzte sich wieder, halb auf die Kante, beugte sich zu ihr. Er flüsterte und spürte, wie die Wut jedes seiner Worte scharfkantig machte:
Einmal Elke, einmal bin ich erwischt worden. Nach einem Weihnachtsmarkt, auf dem der Glühwein gepanscht wurde. Und in all den Kontrollen vorher war nichts.
Er war noch nie jemals vorher kontrolliert worden, aber das musste sie ja auch nicht wissen.
Okay , sagte sie wieder, nur okay. Schwach.
Elke, da wo ich arbeite und wo ich herkomme trinkt jeder und es schadet keinem. Alle machen ihr Ding, und zwar gut.
So wie dein Vater.
Mein Vater ist ein Arschloch. Egal ob er trinkt oder nicht.
Er wolle gehen, sie hielt ihn am Hosenbein.
Das ist mein Buch.
Ich geb’s dir wieder, wenn‘s nicht gut ist
Sie griff nach seiner Hand, zog ihn zurück auf den Sitz.
Du hast es mir versprochen. Nun flüsterte sie auch.
Er machte sich los: Da wo ich herkomme, hält man seine Versprechen.

Josef winkte, jetzt waren sie schon fast bei ihm. Nadja ließ Elkes Hand los und rannte auf ihn zu. Josef ging in die Hocke, in der Brust eine glückliche Weite.
Da war sie bei ihm, er fing sie auf, drehte sich mit ihr, und noch einmal, die Welt verschwamm und er mit seiner Tochter war das Zentrum einer glücklichen Familie.
„Na“, sagte er leise in Elkes Ohr, als sie bei ihnen war,
„na, geht es wieder mit uns?“
Er zog sie langsam an sich, sie wich nicht aus:
„Wer könnte dem schönen Herrn Bucherer schon lange widerstehen?“
„Genau, sexiest man alive – wenigstens so ziehe ich dich immer wieder in meinen Bann.
„Was ist ein das – ein sexmenelife?“Nadja drängelte in ihre Umarmung, sie lachten und Josef sagte:
„Das erklärt dir die Mama, die kann das besser.“

Er hörte zu, während Elke erklärte. Sie schien entspannt, aber so genau wusste man das bei ihr nie. Als Rezeptionistin eines Deluxe Hotels musste sie das draufhaben: Cool bleiben, wenn Gäste nervten. Oder der Mann.
Josef ging ein paar Schritte, schaute übers Meer. Plötzlich veränderte sich das Licht – ein später Sonnenstrahl oder eine Spiegelung von einem Schiff.
„Schau mal, da draußen wird’s heller“, Elke kam, schob ihre Hand in seine. „Kann man die Werft von hier aus sehen?“
Der Vorsprung, auf dem Josef die Werft vermutete, lag in dichtem Dunst, die Gebäude nur noch eine Ahnung.
„Vielleicht wenn wir näher ans Wasser gehen.“
Sie schmiegte sich an ihn und sagte zu Nadja:
„Lauf doch mal vor, vielleicht findest du einen Seestern.“
Nadja blieb stehen, die Arme in die Seiten gestemmt:
„Ihr wollt nur alleine sein, ihr habt ein Geheimnis.“
Elke lachte:
„Weißt du, was das Besondere an einem Geheimnis ist?“
„Ja, ja,“ Nadja verdrehte die Augen, „dass es nur zwei Leute kennen.“
Josef bückte sich, flüsterte ihr ins Ohr:
„Ich spiele mit dir eine Extra Runde Canaster.“
Nadja hob Daumen und Zeigefinger:
„Zwei.“
An den Schultern drehte er sie in Richtung Strand, sie lief los, rief zurück:
„Zwei.“
„Da hast du dein Abendprogramm“, in Elkes Stimme war nur milder Spott.
„Ich beeile mich, damit ich bald von der Werft zurück bin.“
Sie blieb stehen, beide Hände in den Manteltaschen:
„Gutes Stichwort. Ich habe mich entschieden, ich vertraue dr.“
„“Welch schöner Sinneswandel.“
„Ich bin noch nicht fertig,“ sie zog die Augenbrauen zusammen, die Falte drohte: „Es macht keinen Sinn, dass ich mir dauernd überlege, trinkt er jetzt oder trinkt er nicht. Also Vertrauen, bis zum Beweis des Gegenteils. Tit for tat, you know.“
Oh Mann, diese aufgesetzte Managersprache. Elke liebte das, jedes Mal, wenn sie von einer Fortbildung zurück war, brachte sie mindestens ein neues Buzz Word mit.
Tit for that, wie du mir, so ich dir, er durfte nicht trinken oder…
Da war er ja mal gespannt, was ihr „oder“ wäre, schon wollte er zynisch werden, ihr Blick hielt ihn ab. Forschend, wie er es aufnehmen würde, liebevoll, als wolle sie gleich „Jobär“ zu ihm sagen. Und verlangend. So wie früher, wie all die Jahre bis zu diesem blöden Führerschein. Was war das nun, so schnell, dieser Umschwung? Josef wartete, was kam als nächstes? Sie trat nah an ihn heran, griff nach seinen Händen, legte seine Arme um ihren Körper, küsste ihn. Langsam machte er mit, ließ sich bitten. Sie mochte das, wenn er widerstrebte, es war ein Spiel. Sie strich ihm die immer störrische Locke aus der Stirn.
„Ich vertraue dir, weil ich dich liebe und weiter lieben will“

Sie blieben nur noch kurz, Nadja war unzufrieden, es gäbe hier keine Seesterne und überhaupt sei das ein doofer Strand. Und so kalt.
Josef hob sie auf seine Schultern, nahm Elke an der Hand und begann zu traben.
„Hopp, hopp zurück ins Hotel, dort ist es warm und wir bekommen alle wieder gute Laune.“
Auf dem Weg zum Hotel kamen sie vorbei an kleinen Geschäften, Restaurants, so was wie einen Friseur.
Die niedrigen Häuser waren fragil, dünne Wände, die Fenster der Auslagen wie hineingeschoben, gehalten von leichten Rahmen. Als könnte alles jeden Moment auseinanderfallen wie eine Kulisse. Es war inzwischen fast ganz dunkel, auf einen Schlag leuchteten die Straßenlaternen auf und Josef stoppte abrupt, machte ‚pscht‘.
Ein paar Meter vor ihnen querte ein Fuchs die schmale Straße. Er verhielt, drehte ihnen den Kopf zu, sah sie unerschrocken an.
Dann lief er weiter, Elke legte ihren Arm um Josef, so umschlungen setzten sie ihren Weg fort. Mit Nadja, die von oben fragte, ob der Fuchs wohl Hunger habe und Josef, der antwortete, ja wahrscheinlich, er werde sich kümmern, dass er was zu fressen bekäme. Er sagte es einfach so, aber er meinte es auch, er würde sich kümmern.

St. Luz, August 1989

Der Bucherer-Hof glänzte in der frühen Sonne, dahinter, am Berghang, standen wie eine verwilderte Truppe die jahrhundertealten Lärchenstämme des Langwalds. Weit droben sah Josef die grauen Schneefelder der Gletscher, unten, am Talschluss, das Dorf St. Luz. Er mochte die Häuser mit den roten Fensterläden und die holzvertäfelten Bauernhöfe, er mochte auch die kleine Kirche. Was er nicht leiden konnte, war der Bach, die St. Luzer Ache. Sie durchquerte das Dorf und war weit mit ihrer wichtigtuenden Plapperei zu hören.
Josef prüfte den Stand der Sonne und nahm schnell die weißen Baumwollstutzen von der Leine. Eigentlich waren sie ganz neu, von der Mutter extra für heute gekauft. Aber er hatte sie schon gestern angezogen und natürlich prompt Grasflecken draufgebracht. Gut, dass es der Vater nicht mitbekommen hatte. Die Mutter war nur ein bisschen ärgerlich gewesen, für langes Schimpfen hatte sie nie Zeit. Er lief ins Haus, leise die Treppe hoch und zog eilig sein Festgewand an. Die knielange Lederhose, weißes Hemd und die Stutzen.
Dann ebenso leise wieder hinunter, das Knarren der Holzstufen konnte er allerdings nicht verhindern. Noch war kein anderer auf, er hatte Glück. In der Küche nahm er das gekochte Herz aus der Schüssel im Kühlschrank, schnitt ein ordentliches Stück ab und stopfte es in eine Plastiktüte. Lady war die Berner Sennenhündin des Vaters und sein erklärter Liebling. Martin, dachte Josef, während er den Rest des Herzes in große Stücke teilte, Martin sein kleiner Bruder, war der Liebling der Mutter. Und ich bin der Große, dachte er und wusste nicht recht, ob er das so gut fand. Aber wenn seine Mutter zu ihm sagte:
„Mein Großer, wenn ich dich nicht hätte“, war es doch schön.
Er warf die Fleischbrocken in Ladys Futterschüssel,
aus der Speis nahm er eine Dose des Spezial-Hundefutters, das der Vater vor kurzem für Lady bestellt hatte, weil sie so dünn geworden war. Er arrangierte die Marmeladengläser neu, um die Lücke zu kaschieren. Hoffentlich merkte der Vater nichts.
„I geh scho voraus“, rief er in der dämmrigen Diele in Richtung Treppe, zog die Haferlschuhe an, nahm den Filzhut mit der Feder vom Haken und öffnete vorsichtig die Eingangstür mit dem Eisenbeschlag. Lady schoss herein, Josef tätschelte sie.
„Bald kriegst du wieder dein ganzes Futter, aber heute brauch ich’s noch für Peter und Paul“, sagte er dem Hund ins Ohr und dann lauter:
„Ich hab‘ die Lady schon gefüttert, ich bin dann in der Kirche.“
Er wickelte die Plastiktüte und die Dose in seinen Strickjanker, aus der Schale auf der Truhe steckte er für sich zwei Äpfel ein. Ein Janker am 15. August bei mittags 30 Grad war ein Witz. Aber wahrscheinlich würde es eh keinem auffallen, alle waren mit Feiern beschäftigt. Heute war der Hohe Frauentag, Festtag in ganz Tirol, und seine Füchse waren inzwischen ein halbes Jahr alt. Leise zog Josef die Tür hinter sich zu und trat auf den staubigen Vorplatz.

„Wer so früh aufsteht, hat entweder ein schlechtes Gewissen oder Übles vor.“
Die Stimme dröhnte von oben herab. Josef schaute hinauf. Der gewaltige Oberkörper seines Vaters leuchtete im weißen Unterhemd hinter den Geranien auf dem Balkon, auf dem Kopf trug er schon den Hut des Schützenhauptmanns.
„Und, was hast du Übles vor?“, fragte Josef.
Verdammt, das war wieder frech. Dabei wollte er den Vater gerade heute nicht reizen. Aber es rutschte ihm immer so raus. Und manchmal mochte es der Vater ja, wenn er frech war. Dann wieder war es genau das Falsche und man musste sich schnell in Sicherheit bringen. Jetzt lachte er, drohte aber mit dem Zeigefinger.
„Komm nicht zu spät. Wo willst du denn überhaupt hin mit dem Janker? Hast du Angst, dass es friert?“
„Nur Schutz vor feuchter Aussprache.“
„Pass auf, junger Mann, dass du mir nicht zu nahe kommst. Dann hilft dir auch kein Janker. Mach, dass du verschwindest.“
Josef ließ es sich nicht zweimal sagen. Er bog um die Ecke aus der Sicht des Vaters. Wahrscheinlich entwischten dem gerade ein paar Speicheltropfen. Das passierte, wenn er wütend war. Und wenn er trank. Meistens ging beides zusammen. Heute würde er viel trinken. Nach der Messe in der Dorfkirche war die Prozession, bei der die Marienstatue durch die Straßen getragen wurde. Danach zogen alle Einheimischen und die vielen Touristen in die Festhalle. Dort wurde gefeiert, mit Bier und unzähligen Schnäpsen bis in den frühen Morgen. Der Vater war immer einer der Letzten, die gingen. Er sagte, das sei er seiner Ehre als Schützenhauptmann schuldig.

Josef wartete einen Moment, bis er vom Balkon nichts mehr hörte. Dann schlug er den Weg zum Langwald ein. Er machte dabei einen großen Bogen, damit er weder vom Hof noch von der umgebauten Scheune aus gesehen werden konnte. Dort wohnten die Feriengäste der Bucherers.
In ein paar Minuten war er bei der Kapelle am Waldrand. Sie hatte keinen Namen und wurde nicht gepflegt. Sie war leer, bis auf ein fast verblasstes Kreuz mit einem schmerzverzerrten Jesus dran, aufgemalt auf der Stirnwand. Josef ging hinein.
„Jesus, Jesus“, sagte er und kniete sich auf die zerbrochenen Fliesen, „das haben wir gut gemacht.“
Er dachte, dass die Füchse nun alt genug waren, er brauchte sie nicht mehr zu füttern und konnte sie auswildern. Und Jesus, davon war er überzeugt, hatte geholfen, dass sie so weit gekommen waren.
„Danke“, flüstere er und stand auf, „jetzt paß bitte bloß noch auf, dass der Vater sie nicht erwischt.“

Draußen wickelte er das Futter aus dem Janker und schlüpfte hinein. Dann begann er den Aufstieg zu seinen Füchsen und dachte, wie schnell die Zeit vergangen war.
In einer Nacht Anfang Mai hatte der Vater die Füchsin erschlagen, als sie mit einem gerissenen Huhn aus dem Stall schlich. Ein paar Tage später hatte er ihren Mann, den Fuchs geschossen und triumphierend vor der Hoftür auf den Boden geworfen.
„So, jetzt kann die Brut verrecken. Jetzt haben sie keinen mehr, der sie mit unseren Hühnern füttert, und wir haben Ruhe“, hatte er gesagt.
Josef erinnerte sich ganz genau. Gleich am nächsten Morgen, lange vor Schulbeginn, war er die Füchse suchen gegangen. Er konnte die Bilder nicht aushalten, die sich in seinem Kopf breit gemacht hatten: Die kleinen Füchse, wie sie aus dem Bau kamen und vor Hunger winselten. Wie ihre schmalen, wolligen Körper schnell abmagerten und sie nach kurzer Zeit zu schwach waren, sich zu erheben.
Den blassen Jesus in der Kapelle hatte er gleich um Hilfe gebeten. Überzeugt, dass der auf seiner Seite war. Hatte nicht Jesu Vater die Welt geschaffen und alle Geschöpfe?
„Gell, Jesus“, hatte er gesagt „das willst du auch nicht, dass die so elendiglich zugrunde gehen. Und wenn der Pappa den Hühnerstall mal ordentlich abdichtet, passiert so was auch nicht mehr. Ich würd’s ja machen, aber er sagt, dazu bin ich zu klein. Dabei könnt’ ich das locker.“
Obwohl eines der Fuchskinder weiblich war, hatte er sie Peter und Paul genannt. Das, hatte er gedacht, würde Jesus gefallen.
Der Boden im Langwald war weich von den heruntergefallenen Nadeln, zwischen den Stämmen wuchsen mächtige Polster mit langem Gras, auf dem Tau lag. Obwohl es noch kühl war, roch Josef den Duft des Harzes, der mit jeder Sonnenstunde intensiver werden würde. Tief wachsende Äste versperrten den Weg und schnellten hinter ihm hoch, wenn er sie zu Boden drückte und darüber stieg. Es gab kürzere und längere Wege zu der Lichtung, an deren Rand seine Füchse hausten. Josef wählte die weiteste Strecke. Es ging steil bergauf, die Graspolster waren rutschig. Aber seine Füße wussten von selbst, wo sie hintreten mussten. In den Händen balancierte er Futter und Dose, der Janker bewahrte sein Hemd davor, dass es irgendwo hängen blieb oder grüne Flecken bekam. Manchmal knackten trockene Äste laut unter seinen Schritten. Aber hier war keine Gefahr mehr, dass man ihn hörte, zu weit weg war er schon vom Hof. Außerdem wurden alle Geräusche überlagert vom sprudelnden Rauschen eines Baches, der in der Nähe aus dem Berg trat und zur Ache im Dorf eilte. Bald war Josef an seiner Lieblingsstelle. Der Hang wurde flacher und lief in sanftem Schwung auf der Lichtung aus. Die Bäume standen weniger dicht, die Sonnenstrahlen brachen sich im Tau, jeder Schritt führte in ein Gleißen aus Blau und Gold und Grün. Aber die Juchzer, die er sonst hier den Berg hinaufschickte, blieben ihm heute in der Kehle stecken.

Paul saß auf dem umgestürzten, hohlen Baumstamm, dem Lieblingsplatz der beiden, Peter war nicht zu sehen. Doch als Josef mit der Zunge schnalzte, schob er das spitznasige Gesicht mit den großen Ohren aus der dunklen Röhre. Josef setzte sich in etwas Entfernung auf den Stamm, zerteilte das Herz mit dem Taschenmesser. Die Füchse saßen da wie junge, elegante Hunde und beobachteten ihn aufmerksam.
„Bravo, schaut euch das alles nur ganz genau an. Ihr habt recht, erst schauen, dann entscheiden. Nicht wie die Lady, die wanzt sich gleich an alles ran. O mei, ich werd euch so vermissen.“
Er spürte, wie ihm die Tränen aufstiegen, und konzentrierte sich darauf, das Futter in zwei genau gleich große Portionen zu teilen. Eine häufelte er links von seinen Füßen, die andere rechts. Dann legte er die Hände auf die Oberschenkel, blieb ruhig sitzen. Die Füchse kamen und fraßen ohne Hast.
„Na, ihr habt gar nicht so viel Hunger. Habt ihr euch schon selbst versorgt? Schlau seid ihr. Das wird schon alles gut mit euch, ich brauch mir gar keine Sorgen machen.“
Er glitt langsam vom Stamm, setzte sich auf den Boden zog den Janker aus und legte ihn in den Nacken. Die Füchse hatten zu Ende gefressen. Josef streckte die Beine aus, wartete. Nach dem Fressen ließen sie sich manchmal streicheln. Paul, der zutraulichere der beiden, legte sich neben Josef. Mit der ausgestreckten Hand konnte er ihn gut erreichen. Das rötliche Fell war warm, der üppige, rotblonde Schwanz wischte seidenweich über Josefs Unterschenkel. Paul legte mit einem tiefen Atemzug den Kopf zwischen die Vorderpfoten und schloss die Augen. Josef lehnte sich gegen den Stamm, den Kopf auf dem Janker, und vor seinem Blick verschwamm der Sommerhimmel.
Wie spät war es? Josef schoss hoch, die Füchse weg, die Lichtung schon blasser unter der Sonne. Die stand inzwischen schräg über den Bäumen. Die Messe begann um neun. Es musste kurz davor sein. Die Angst packte ihn im Nacken, trieb ihn vorwärts. In großen Sprüngen hetzte er bergab, schlitterte, rutschte auf Fersen und Po, keine Rücksicht auf das Hemd, Zweige im Gesicht, egal, weiter, weiter. Er musste es bis zum Einzug der Schützen schaffen, dann konnte er hinter ihnen reinhuschen. Im vollen Lauf stoppte er plötzlich. Die Jacke, die Dose. Vergessen bei Peter und Paul. Es schüttelte ihn, wenn ihm der Vater bloß nicht draufkam. Weiter, weiter, vorbei am Hof, auf der Straße runter nach St. Luz. Er stoppte wieder und lachte auf. Wie verrückt, was für ein Glück. So konnte er sich noch einmal verabschieden von ihnen. Heute Abend, wenn die anderen noch feierten.
An der Treppe mit dem hölzernen Geländer und den Bohlenstufen, die von den paar großen Höfen des Oberdorfs ins Unterdorf führte, blieb er stehen. Von hier aus überblickte er alles. Den Platz in der Mitte, das Zentrum von St. Luz, die Häuser und die Festhalle mit dem Grillwagen davor und auf der anderen Seite der Ache, verbunden durch eine Holzbrücke, die Kirche mit dem Friedhof rundherum. Dort drängten sich die Menschen. Jetzt läuteten die Glocken, die bunte Menge schob sich vorwärts, wurde an den Eingängen ins Kircheninnere gesogen. Die Schützen standen bereit zum Einzug in die Kirche, er konnte sie als graue Formation an ihren Uniformen erkennen. Er würde es nicht rechtzeitig schaffen, keine Chance.

Die Seitentür knarrte, aber Josef gab sich keine Mühe, leise zu sein. Der Pfarrer sagte gerade: „Herr, erbarme dich“, und die Menschen – sie standen bis in die Seitengänge – antworteten: „Christus, erbarme dich.“
Die Hand schmerzte mehr, als er gedacht hatte. Er hielt sie vor der Brust und ging, staubig von Kopf bis Fuß, die Knie blutig aufgeschlagen, zur vordersten Bank. Dort war seine Mutter mit Martin, sein Vater stand an der Spitze des Schützenspaliers weiter hinten. Aus dem Augenwinkel nahm er das erschrockene Gesicht seines Freundes Franz wahr, mit dem er in der Skigruppe war. Er saß in der zweiten Reihe. Der Gesichtsausdruck seiner Mutter und Martins ehrfürchtiger Blick auf seine Knie bewiesen Josef, dass er so schlimm aussah wie erhofft. Er rückte in die Bank neben die beiden.
„Die Treppe“, sagte er und zeigte ihr die Hand, in der unter der Haut, bis ins Fleisch, ein Holzschiefer steckte. Es hatte ihn einigermaßen Überwindung gekostet, die Hand am rissigen Geländer der Dorftreppe zu lassen und sich gleichzeitig die Stufen hinunterzuwerfen. „Bin gestolpert.“ Sie nickte. Der Zustand des Geländers war ein allgemeines Ärgernis im Oberdorf.
„Haltest du’s noch aus einen Moment?“
„Geht scho.“
Während der Lesung, als man wieder sitzen durfte, entfernte sie den Splitter. Dann schickte sie ihn nach Hause. Umziehen, Jod auf die Wunden, schnell wiederkommen. Sie schob ihn aus der Bank, er wagte nicht, seinen Vater anzusehen.

„Haben sie dich zum Schluss etwa noch gebissen?“
Franz hatte sich auch aus der Kirche geschlichen und ihn draußen abgepasst.
„Ist nicht so schlimm, habe ich selbst gemacht.“
Franz schüttelte den Kopf. Josef freute sich über sein besorgtes Gesicht.
„Weil du zu spät warst?“
Josef nickte und saugte an der Wunde in der Hand.
„Und, ist heut der letzte Tag?“
„Ja, hab ich doch g’sagt. Ich muss später noch amal hin, ich hab mein’ Janker dort vergessen. Und ich hab was B’sonders für sie.“
„Das Feiertagsgulasch?“
Josef kicherte. Er fand es immer wiedersuper, dass Franz, zwei Jahre älter als er, sein Freund war. Franz war der beste Skifahrer im Dorf, Josef der zweitbeste.
„Zum Abschied, verstehst du?“
„Möchtest du, dass ich mitkomm, heut Abend? Ich würd sie eh gerne noch mal sehen.“
Josef wurde es ganz warm vor Freude. Wenn Franz mitkam, würde es einfacher, Lebewohl zu sagen. Franz hatte geholfen, die Füchse durchzubringen. Er war der Sohn des Dorfwirtes, Futter aus der Gasthausküche mitgehen zu lassen war einfach. Und trotzdem war von Anfang an klar gewesen: Peter und Paul gehörten Josef, Franz hatte nie einen Anspruch erhoben.

„Aus dem Weg.“
Die Lippen des Vaters bewegten sich kaum beim Sprechen, seine Augen sahen über Josef hinweg, aber der verstand deutlich. Er stellte sich an die Seite, dabei hielt er seine verpflasterte Hand wie eine Opfergabe und sagte unhörbar:
„Ich kann nichts dafür, die Treppe.“
Wieder war er zu spät. Er war an der Kirche just als sich die Tür öffnete und der Vater, den Säbel über der Schulter präsentierend, den Umzug eröffnete. Josef fühlte sich klein, verloren. Könnte ihm bloß jemand helfen. Ihn und die Füchse wegbringen an einen Ort, wo sie immer zusammen sein konnten.
Das Allerheiligste wurde vom Pfarrer unter einem Baldachin vorbeigetragen. Pflichtschuldig kniete Josef sich hin. Blieb knien, weil gleich darauf die Statue der Jungfrau Maria folgte. Sie stand auf einem Brett. Vier Kommunionmädchen in weißen Kleidern stemmten es mühsam in die Waagrechte. Josef kannte sie alle aus der Schule. Grund- Haupt- und Realschule waren in einem Gebäude untergebracht.
„Kannst uns ruhig helfen, sie ist schwer“, flüsterte ihm eine übermütig zu. Die hübsche Anna, Franz’ Schwester. Josef bekam einen roten Kopf und schaute schnell wieder nach unten. Endlich kamen die normalen Leute, die Mutter, als Frau des Schützenhauptmannes, an der Spitze. Sie trug den schlafenden Martin auf dem Arm.
„Wo warst du so lange? Hol mir den Buggy, er steht an der hinteren Seitentür.“
Der Buggy hatte dicke, gut gefederte Reifen. Trotzdem konnte Josef ihn auf den Kieswegen des Friedhofs schwer schieben. Er wich auf die Rasenpfade zwischen den Gräbern aus. Hier lief es, er fuhr ein paar schnelle Rennkurven. Plötzlich hatte er ein unangenehmes Gefühl im Rücken und drehte sich um. Die Prozession war auf der Hauptstraße angelangt, sie führte oberhalb des Friedhofs in Richtung Dorfplatz. An der Spitze der Vater, eine überlebensgroße Statue, die von ihrem Sockel gestiegen war. Wallender Bart über weißem Hemd, Hut mit drohender Feder, Säbel blitzend in der Sonne. Er sah Josef an. Er sah alles. Überall. Er hatte alles gesehen. Jede Kurve, die Josef auf der geweihten Erde gedreht hatte. Die Angst zog ihm eine Furche durchs Herz. Schnell schob er den Buggy zur Mutter und ging neben ihr, sang und betete.
„Maria“, flüsterte er, „hilf mir, dass ich nicht wieder frech werde. Grad heut nicht. Damit bloß alles gut geht.“

In der Festhalle, deren eine Längswand ganz geöffnet werden konnte, saßen die Menschen an langen Holztischen. Sie aßen, tranken, Josef roch das Bier, Schwenkbraten und Schweiß und wenn sie sich unterhielten, beugten sie sich vor und schrien, um sich über die Märsche der Kapelle hinweg zu verstehen. Er kam sich vor wie im Inneren eines dröhnenden Motors. Die Musik gab den Takt, die sich hin und her beugenden Körper waren Kolben, die das Luftgemisch weiter und weiter verdichteten, bis es in Geschrei und Gelächter explodierte.
Josef half Anna „Kleine Feiglinge“ zu verkaufen. Das war neu. Franz’ und Annas Vater, der Wirt vom Gasthaus „Zum Krug“, wollte es mal mit dem süßen Wodka-Sirup-Gemisch probieren. Es lief wie geschmiert, vor allem die Frauen mochten es lieber als die scharfen Schnäpse. Josef trug das Tablett mit den Fläschchen, Anna stellte sie auf den Tisch. Bald war das Tablett leer.
„Wir sind ein gutes Verkaufsteam, wir können zusammen Geschäfte machen“, sagte Anna und lachte Josef an, so dass er ganz stolz war und sich freute, dass sie ihn ausgesucht hatte.
„Komm, wir holen neue, vielleicht will meine Mutter auch einen.“

Die zuständige Kellnerin in der Getränkeausgabe suchte zwischen Kisten mit „Almdudlern“, Bierfässern, Kartons voll Schnapsflaschen, fand aber nur noch ein paar Fläschchen.
„Das lohnt nicht mehr. Lasst mal, es war ohnehin nur ein Versuch, ob’s läuft. Geht lieber spielen.“
„Ich möchte meiner Mutter gerne noch einen bringen.“
Die Kellnerin gab Josef zwei Stück, er stopfte sie in die Taschen seiner Lederhose.

Vater und Mutter saßen an einem Tisch mit dem Bürgermeister, der auch den Skilift in St. Luz betrieb, dem Fremdenverkehrsdirektor und den zwei anderen großen Bauern. Mit dabei auch die Frauen, alle in Tracht.
„Komm her, mein Sohn, zeig dem Bürgermeister deine Hand.“ Der Vater zog Josef zu sich: „Ich sag’s ja schon seit Jahren, dass diese Treppe eine Schande ist.“
Josef musste sich setzen und die Hand mit dem Pflaster auf den Tisch legen.
„Ist schon besser jetzt.“
„Besser, besser, es hätte überhaupt nicht passieren dürfen.“ Der Vater wirkte empört, seine Lippen waren aber nur etwas feucht. Der Bürgermeister lehnte sich zu ihm: „Ist doch gut jetzt, Sepp. Ich hab’ ja gesagt, dass wir das im Gemeinderat besprechen. Reg dich nicht auf, erzähl uns lieber einen Witz.“
„Sepp hin, Sepp her, mein Sohn wurde von einer öffentlichen Treppe verletzt. Eigentlich müssten wir Schmerzensgeld verlangen. Noch dazu ist es eine kostbare Skifahrerhand.“ “
Er hatte einen grollenden Ton, aber Josef merkte , der Schlagabtausch machte dem Vater Spaß. Er liebte es, wenn alle ihm zuhörten, und wenn er gut drauf war, unterhielt er ganze Runden mit seinen Witzen.
„Okay, gewonnen. Und jetzt gebe ich eine Runde aus und gut is’“,sagte der Bürgermeister. Er berührte leicht Josefs Hand.
„Auch einen, Josef? Gegen den Wundschmerz?“
Er lachte, Josef lachte mit, natürlich war es ein Scherz.
Eine der Kellnerinnen, die mit Tabletts voller Schnapsgläser herumgingen, stellte vor jeden Erwachsenen eines. Der Vater tippte auf den Tisch vor Josef.
„Hier auch.“
Der Bürgermeister schaute erschrocken, keiner sagte was.
„Stoß mit mir an, Josef! Ich dachte schon, ich muss dir eine langen, weil du zu spät warst. Aber die Mamma hat mir gesagt, dass es die Treppe war und du kannst nichts dafür. Also, Prost!“
Josef sah die Mutter an.
„Nur anstoßen und einen winzigen Schluck, dann gibst du den Rest dem Pappa.“
Josef stieß mit seinem Vater an, die anderen prosteten auch und er trank.
Plötzlich war sein ganzer Mund voll mit einer aufregenden Schärfe, verlockend und abstoßend in einem. Er schluckte, hustete, verfolgte, wie das nasse Feuer im Magen ankam, sich ausbreitete und im Verglühen etwas verströmte, was er nicht kannte. Aber es war gut. Die Erwachsenen beobachteten ihn gespannt, sein Vater lachte und haute ihm auf den Rücken.
„Bravo. Das ist mein Sohn.“
„Genug jetzt“, sagte die Mutter und wollte sein Glas an sich nehmen. Aber Josef war schneller, sagte „Prost“ und erwischte noch ein paar Tropfen.
„So, jetzt langt’s aber. Schleich dich!“ Der Vater haute ihm nochmal so fest auf den Rücken, dass es wehtat. „Du bist eh gleich dran.“
Josef wollte nach vorne, aber seine Mutter hielt ihn noch mal fest.
„Das war eine absolute Ausnahme, verstanden.“
„Der Pappa fand’s aber gut.“
„Ich will nichts mehr davon hören.“
Josef drehte sich zum Gehen, da griff sie noch einmal nach ihm.
„Du, wieso hattest du es eigentlich so eilig an der Treppe, du warst doch so früh aus dem Haus?“
„Ich war beim Franz, aber dann habe ich die Skinadel vergessen und bin noch einmal nach oben.“
„Komisch, wir haben dich gar nicht gesehen.“
„Ich bin hintenrum gegangen. Schau.“
Er nestelte die Skinadel, eine rote Metallraute mit einem bronzenen Skifahrer darauf, aus einer der tiefen Taschen seiner Lederhose. Dabei stieß er auf die Fläschchen. Er wollte sie seiner Mutter geben, da wurden „die drei außerordentlichen Ski-Buben unseres Sportvereins“ vom Bürgermeister aufgerufen. Josef sah Franz auf die Bühne steigen und beeilte sich hinterherzukommen. Im Gehen steckte er die Nadel an.

Josef wusste, dass viele St. Luzer es hirnrissig fanden, mitten im Sommer Skifahrer zu ehren. Aber der Bürgermeister und der Fremdenverkehrsdirektor, der auch der Vorsitzende des Sportvereins war, bestanden darauf. St. Luz hatte vor Jahren einen berühmten Abfahrtsläufer hervorgebracht. Das wollte man wiederholen, deshalb leistete sich die Gemeinde einen Jugendtrainer und das sollten auch die Sommertouristen mitbekommen.
Auf dem Weg zur Bühne kam Josef an Sommergästen der Bucherers vorbei.. Das Ehepaar Winkler aus Düsseldorf. Josef fand sie nett, und wenn er ihnen begegnete, grüßte er immer höflich. So auch jetzt – im Vorbeigehen machte er einen eiligen kleinen Diener. Herr Winkler lächelte: „Mach schnell, lass dich nicht aufhalten, du bist jetzt wichtig.“
Oben stellte Josef sich neben Franz. In ein paar Jahren sollten sie auf das Ski-Internat gehen und für den nationalen Kader trainiert werden.
„Unsere drei Besten. St. Luz dankt euch für euren Einsatz. Zum Zeichen unserer Anerkennung bekommt ihr wieder die St. Luzer Skinadel. Dieses Jahr in Gold, Silber und Bronze. Bald habt ihr eine ganze Sammlung.“
Alle lachten. Josef war locker; das Warme, Verströmende füllte ihn noch ganz aus.
Im Jahr zuvor war er zum ersten Mal Dritter geworden, schüchtern und froh, wieder von der Bühne runterzukommen. Da war ich noch ein Baby, dachte er verächtlich und konnte es gar nicht mehr verstehen. Franz bekam den goldenen Skifahrer angesteckt und machte einen höflichen Diener.
„Wo hast denn deine Nadel, Josef?“
Der Bürgermeister stand jetzt bei ihm und wollte die neue Nadel, wie bei Franz, neben die vom Vorjahr stecken.
„Musst schon schaugen mit die Augen“, sagte Josef und lachte ihm ins Gesicht. Franz gab ihm einen Rempler in die Seite.
„Was is denn? Hier ist sie doch.“
Josef sah an sich herunter. Aber die Nadel war nicht da. In seiner Herzgegend kitzelte ihn etwas, so was wie ein vorwitziger Grashalm, der aus einer Ritze lugt.
„Egal, ich krieg eh eine neue“, sagte er. „Kannst mir die vom nächsten Jahr gleich mit anstecken, dann hab ich wieder zwei.“
In der eintretenden Stille hörte und sah Josef alles gleichzeitig. Von draußen tuckerte ein Traktor, wer fährt denn heute Traktor? Ein Schatten zog über die Halle, offenbar Wolken, aha, wahrscheinlich gibt es ein Gewitter, deshalb fährt da noch schnell einer aufs Feld. Und eine flache Hand knallte auf einem Holztisch. Das ist der Vater, hoffentlich bleibt er auf seinem Platz. Die Furche in Josefs Herz, von der er gerade noch gedacht hätte, sie wäre für immer weg, öffnete sich. Ich hau ab, nein, ich versteck mich hinter Franz, nein, was soll ich tun? Er erstarrte. Sah seine Mutter den Vater zurückdrängen. Sah sie auf sich zukommen, sich bücken, wieder aufstehen, noch ein Schritt, sie war bei ihm. In der Hand die verlorene Nadel.
„Entschuldige dich, schnell.“
Sie flüsterte. Übertönt von der grollenden Stimme seines Vaters: „So benimmt sich ein Bucherer nicht.“
„Hast halt einen Schwips, Josef“, sagte der Bürgermeister gemütlich, steckte ihm die Nadel an, lächelte und zog ihn leicht am Ohr: „Lern was draus.“
„Ja, Herr Bürgermeister, entschuldigen Sie.“
„Lauter“, der Vater erhob sich halb von seinem Platz.
„Entschuldigung, Herr Bürgermeister.“
Das kam laut, deutlich – und zweistimmig. Franz sprach es synchron mit Josef, stand ganz dicht an seiner Seite. Und noch einmal: „Entschuldigung, Herr Bürgermeister.“
Josef hörte Gelächter, es flog zusammen mit den Wolkenschatten, die nun schneller aufeinanderfolgten, über die Tische bis in alle Ecken der Festhalle. Er sah erleichtert, dass der Bürgermeister die Musikanten auf die Bühne winkte. Sie spielten sofort ein beliebtes Heimatlied, bei dem sich alle Einheimischen erhoben und mitsangen: „Tyrol isch lei oans, isch a Landl a kloans, isch a liabs, isch a feins und des Landl isch meins.“
Mit dem letzten Ton zog Josef Franz am Hemd, sie sprangen von der Bühne und flitzten aus der Halle.
Sie liefen und lachten, bis sie Seitenstechen bekamen. Schnell waren sie auf dem Hang oberhalb der Festhalle und warfen sich ins Gras. Noch immer konnten sie nicht aufhören zu lachen, sagten wieder zweistimmig: „Entschuldigung, Herr Bürgermeister“, und lachten weiter. Dann probierten sie es mit: „So benimmt sich ein Bucherer nicht“, und kugelten sich vor Vergnügen.
Nach einer Weile funktionierten die Sprüche nicht mehr. Sie saßen nebeneinander, Josef schaute konzentriert auf den Boden, er suchte einen Grashalm, auf dem man gut pfeifen konnte. Aber das half auch nicht gegen die Angst, die langsam in seinen Bauch kroch. Noch mehr, als Franz sagte:
„O mei, das wird was geben. Dein Vater. Alle haben ihn ausgelacht.“
„Wenn er mich jetzt erwischt, wär’s schlimm. Aber heut Nacht, wenn er kommt, schläft er schnell ein. Morgen hat er Kopfweh und geht gleich auf die Alm.“ Das klang gut, fand Josef. Aber als Franz ihn zweifelnd ansah sprang er doch wie gestochen auf:
„Komm, wir gehen. Bevor’s anfangt zu regnen.“
Die Wolken verdeckten die Sonne inzwischen fast zur Gänze. Nur durch ein Loch fielen noch Strahlenbündel und ließen die Konturen der Landschaft und Häuser plastisch hervortreten. Josef spürte den warmen Wind von den Bergen kommen und wusste: Wenn der aufhörte, würde das Gewitter losbrechen.
Im Aufstehen schauten sie noch einmal zur Halle. Josef wünschte, er hätte es nicht getan. Dort stand seine Mutter, neben ihr im Buggy Martin. Sie winkte ihnen.
„Wahrscheinlich will sie, dass ich ihn mit zum Hof nehme. Dann kann sie besser auf Pappa aufpassen.“
Sie sahen sich an. Es gab kein Vertun. Unlustig schlugen sie den Weg nach unten ein.

Martin nervte. Alle paar hundert Meter wollte er was anderes. Selber gehen. Im Buggy sitzen. Pipi machen, aber es kam nichts. Schließlich setzte Josef ihn unter Protestgeschrei in den Wagen und schnallte ihn fest. Gemeinsam schoben Franz und er den Buggy die steile Straße hinauf zum Bucherer-Hof. Kurz bevor sie oben ankamen, schlief Martin ein.
Josef horchte – der Hof lag still, auch in den Apartments in der Scheune regte sich nichts. Die vier Kühe und die beiden Haflinger standen wartend am Zaun. Sie waren Streichel-und Schauvieh für die Feriengäste. Josef lief zur Scheune, ein paar Stufen die Treppe hoch, rief: „Herr Winkler, hallo?“, wartete einen Moment, versuchte es noch einmal. Nichts. „Keiner da. Ich hab gedacht, die Winklers sind vielleicht schon wieder heroben. Dann hätten wir sie fragen können, ob sie den Martin kurz nehmen. Aber die sind auch noch unten beim Feiern.“

Inzwischen war der Himmel überall grau. Der Wind trieb die Wolkenmasse wogend hin und her, Josef spürte den hochgewirbelten Sand vom Vorplatz in den nackten Kniekehlen.
„Wir tun ihn in die Kapelle. Da ist nichts drin, da kann er nichts anstellen. Und wir sind ja schnell wieder da.“
Der direkte Weg zur Kapelle führte über eine Wiese, unter ihr lief der Bach von oben in Richtung Tal. Der Buggy sank an den sumpfigen Stellen ein, Josef und Franz brauchten viel Kraft, um ihn voranzubringen. Martin wachte auf, wollte aussteigen, schrie. An der Kapelle, hoben und schoben sie den Wagen hinein. Martin verstummte für einen Moment.
„Schau, da ist der Jesus, der passt jetzt auf dich auf. Gell, Jesus?“
Josef war sich nicht sicher, ob Jesus auch dafür zuständig war. Aber was sollte er machen?
Franz und Josef schlossen die Tür von außen und legten einen Stein zur Sicherung davor. Martin begann wieder zu schreien, noch lauter als zuvor.
„Schnell, die Direttissima, wir holen den Janker und ab dafür.“
Sie hasteten einen Steilhang hoch, zogen sich an Ästen, Stämmen hinauf, keuchten. Martins Gebrüll verfolgte sie. Kurz bevor sie die Lichtung erreichten, hörten sie ihn immer noch. Franz sagte: „Ich geh runter und beruhige ihn. Wer weiß, wie weit man den hört. Beil dich.“
Josef nickte und stieg weiter. Gleich war er oben.

Auf der Lichtung wehte der Wind Josef viel stärker entgegen als eben noch zwischen den Bäumen. Mit starker Hand strich er über die Lärchen, brachte sie zum Rauschen. Aber er den Janker noch im Gras bei dem hohlen Stamm, die rote Dose leuchtete daneben.
Josef griff den Janker, die Dose, wollte schon gehen. Schnalzte nur einmal mit der Zunge. Zum Abschied. Paul schob sich aus dem Stamm, vorsichtig kam er näher. Josef warf den Janker nochmal hin, nahm sein Taschenmesser, bald war die Dose halb offen. Jetzt war auch Peter da – beide blickten erwartungsvoll zu ihm hoch. Er hockte sich, der Wind kam von vorne, blies ihm die Haare aus der Stirn und kühlte angenehm das heiße Gesicht. Er nahm ein wenig von dem Futter auf zwei Finger und hielt sie Paul hin. Der zögerte, kam näher, reckte den Hals, war nah genug und leckte die Finger gierig ab. Dann zwei Finger für Peter, auch er überwand seine Scheu. Das Futter musste ein wahrer Leckerbissen sein. Josef bog den Deckel weiter auf, um besser an den Inhalt zu gelangen, da bekam er einen Tritt in den Rücken und stürzte samt Dose in Richtung Stamm. Zwei starke Hände fuhren auf die Füchse zu, packten sie an den Hälsen, drückten zu und rissen die Tiere nach oben.
„Deshalb ist die Lady so dünn geworden, du verdammter Saukerl. Päppelt damit die Hühnerdiebe.“
Josef bekam noch einen Tritt und noch einen, bevor sein Vater von ihm abließ.
„Steh auf und bring mir meinen Hut.“
Josef konnte kaum atmen, sein Rücken war ein einziger Schmerz. Obwohl er es nicht wollte, liefen ihm die Tränen, er zitterte. Vorsichtig drehte er sich um. Sein Vater stand über ihm, die zappelnden Füchse in den Händen, der Schützenhauptmannshut lag ein paar Schritte weiter im Gras.
„Hör auf, du bringst sie ja um.“
„Hol den Hut und nimm die Dose.“
Schreiend warf sich Josef gegen die Beine des Vaters, um ihn zu Fall zu bringen. Der Vater wankte kaum und gab Josef einen Tritt in den Bauch. Wimmernd sank er zusammen.
„Verdammt, steh auf, wir gehen.“
Auf allen vieren kroch Josef zu dem Hut, suchte die Dose, die immer noch Futter enthielt, und stand auf. Schluchzen schüttelte ihn, mit unsicheren Schritten ging er voraus, den Vater im Rücken. Sie nahmen den direkten Weg zum Hof, Peter und Paul zappelten und wanden sich in den Händen des Vaters. Die ersten dicken Tropfen fielen, in der Ferne grollte ein Donner.

Auf dem Hof war Lady war wie wild mit den Füchsen und sprang hoch, um sie zu schnappen. Der Vater machte sich einen Spaß daraus, sie ihr, kurz bevor sie zubeißen konnte, vor der Schnauze wegzuziehen. Sie bellte hysterisch, Josef schrie und wimmerte abwechselnd, versuchte den springenden, sich drehenden, immer wütenderen Hund abzudrängen. Der Vater lachte. Dann sperrte er Lady in die Küche. Ein weiterer Donner, schon näher.
In der Truhe in der Diele bewahrte die Mutter die Bettwäsche für die Gästeapartments auf. Der Vater hieß Josef die Dose auf den Boden stellen, den Deckel öffnen. Sanfter Duft stieg ihm in die Nase. Die Deckenbezüge waren aus fester Baumwolle mit Reißverschluss. Josef musste einen herausnehmen. Er schrie gellend, als er verstand, was der Vater damit vorhatte.
„Hör auf zu flennen, die Mamma ist auch sauer auf dich. Der Martin wär vor Schreien fast erstickt. Und dem Franz habe ich auch ein paar gescheuert, dann hat er mir gesagt, wo du bist.“
Während er sprach, ließ er Peter und Paul in den geöffneten Bezug fallen, sie schlugen hart auf den Boden. Er schloss den Reißverschluss und verknotete die Ecken. Josef ging wieder auf den Vater los, aber der wehrte ihn mit nur einem Arm problemlos ab.
„Ist doch ein ordentliches Päckchen. Die Steine holen wir später.“
Er warf das Bündel in die Stube, schob Josef in die Küche und drehte den Schlüssel im Schloss. Dort musste er Lady den Rest des Futters aus der Dose geben und die Dose ordentlich auskratzen.
„Pappa, Pappa, bitte, bring sie nicht um. Ich bin nie wieder frech, bitte, ausnahmsweise, lass sie leben. Ich reparier den Stall, bitte.“
Josef schrie und trommelte gegen die verschlossene Küchentür. Er war groß für sein Alter und kräftig, doch die Tür zitterte nur ein wenig im Rahmen. Josef ließ sich auf den Boden fallen. Er kam hier nicht raus.
Der Bucherer-Hof stammte aus dem Mittelalter, er war unter Denkmalschutzauflagen renoviert worden, die Fenster in der Küche lagen tief in der Mauer und waren seit jeher vergittert. Es war dunkel in der Küche, Josef hörte wieder einen Donner, diesmal ganz nahe.
Dann vor der Tür die Stimmen der Eltern., Sofort war er auf den Beinen, schrie.
„Mamma, Mamma, sag dem Pappa, dass er sie leben lassen soll. Ich tu alles, was du willst, ich bleib hier, ich geh nicht ins Internat, ich helf euch bei allem, bitte.“
Er lauschte und hörte die Mutter: „Bring sie dem Jäger, sie gehören ihm sowieso.“
„Wo sind die Füchse?“ Die Stimme von Martin.
„Es sind seine, er hat sie gefüttert, jetzt soll er sich auch kümmern.“
Ganz ruhig kam das vom Vater. Nicht feucht, nicht laut. Das war am gefährlichsten. Eine graue Welle flutete von Josefs Magen in Richtung Kopf. Ein Donner krachte, dann prasselte der Regen.

Die Hand des Vaters in seinem Nacken war warm und riesig. Sie stieß ihn die Treppe hinab ins Unterdorf. Die Holzbohlen waren rutschig, der Regen trommelte mit winzigen Schlägeln auf ihn, den Vater und die Fuchsjungen im Sack. Den schwang der Vater wie einen Einkaufsbeutel an seiner Seite. Josef drehte sich dauernd danach um. Im Licht der Blitze, die über St. Luz den Himmel zackten, sah er Ausbeulungen in dem Sack, die sich bewegten. Die Füchse lebten noch. Er stolperte.
„Schau geradeaus. Du bist heute schon einmal hier runtergefallen. Oder war das auch gelogen?“
„Pappa, bitte.“
„Pappa, bitte“, höhnte der Vater.

Sie waren auf der Brücke. Von dem starken Regen gespeist, hatten sich die Wasser der Ache in einen dunklen, fauchenden Drachen verwandelt. Kleine Schaumkronen tanzten auf seiner wild bewegten Haut, er war hungrig. „Wir brauchen keine Steine“, sagte der Vater. „Der Sack ist schon so nass, der ist schwer.“
Weil ein Donner krachte, verstand Josef nicht genau, was er sagte. Er ahnte es. Der Vater holte Schwung. Ich spring hinterher. Mit einem Satz war Josef auf dem Geländer. Es war stabil und fest. Ich halte sie über Wasser und lass mich treiben. Ich hau ab mit ihnen, ich …
Der Sack flog in hohem Bogen, Josef fühlte sich am Kragen gepackt und festgehalten, der Sack schlug auf, zappelte, dann trieb ihn das wogende Wasser ins Dunkel. Josef stand schreiend und um sich schlagend im Griff des Vaters auf der Brücke.

„Ich hasse ihn, ich hasse ihn bis aufs Blut.“
Josef stand in der Kapelle und schrie es laut hinaus, gegen die Wände, zu Jesus hin.
Warum hatte Jesus ihm nicht geholfen? Verzweiflung schüttelte ihn, er schluchzte auf. Irgendwann hatte der Vater seinen Griff gelockert und ihn fallen lassen. Einen Moment lag Josef auf den nassen Schwellen der Brücke, dann rappelte er sich auf, rannte los. Den Bach entlang, durchs Dorf. Er kam nicht ans Wasser, es war hier eingefasst von einer schrägen Steinmauer. Aber weiter vorne, wenn die Ache durch die Wiesen floss, bevor sie mit Getöse neben der Serpentinenstraße in die Tiefe fiel, da musste er die Füchse erwischen. Schneller, schneller, er bekam keine Luft, keuchte, fiel, zog sich wieder hoch. Aber nichts. Kein Sack mit Füchsen. Nur schwarze Wellen, Schaum, Regen, Dunkelheit. Er schaffte es bis zum Wasserfall, dann musste er aufgeben.
Warum hatte Jesus nicht geholfen? Er hätte sie doch aufhalten können, mit einem Ast oder irgendwas.
Josef fiel nieder, lag auf den Fliesen, die zerbrochenen Kanten drückten in seine Oberschenkel. Er spürte nichts. Er konnte nicht mehr weinen. Auf einem Forstweg hatte er einmal die überfahrene Leiche eines Salamanders gefunden, schon angetrocknet. Die schwarz-gelbe Zeichnung war nur noch zu erahnen. Der Kopf aber war erhalten, geschrumpft wie bei einer Mumie. So fühlte er sich, leer, wie gestorben.

Irgendwann wälzte er sich auf den Rücken. Dabei spürte er die Fläschchen in den Hosentaschen. Er robbte an die Wand, lehnte sich mit dem Rücken daran, schraubte das erste auf. Es roch süßlich.
Er hob das Fläschchen gegen den blassen Jesus, Prost Verräter, dachte er, zum Sprechen hatte er keine Kraft mehr, trank auf ex. Die Wangen zogen sich von der beißenden Süße zusammen und als er schluckte, füllte Speichel seinen Mund. Im Bauch spürte er wie am Nachmittag das nasse Feuer, aber es war runder, schwerer. Ah, das tat gut. Das zweite Fläschchen biss weniger, doch wieder schoss ihm der Speichel. Musste er jetzt speiben? Er beugte sich vor, aber nein, das gute Warme blieb im Magen, breitete sich von dort aus. Es verhüllte den Riss in seiner Seele, schon war er ein bisschen weniger hilflos, fühlte sich mehr ganz. Für ein paar Minuten saß er noch so. Dann rutschte er die Wand hinunter, dem Schlaf und dem Vergessen entgegen.

Incheon, Februar 2005
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Das Werftgelände war eine kleine Stadt, von großen Scheinwerfern beleuchtet. Bei jedem Schritt wirbelten Josef und Long Pete gelben Staub auf, wie auf einem Schachbrett standen graue Werkshallen, um die hundert Meter lang und entsprechend breit. Dazwischen Baustellen, Bagger rotierten an noch nicht fertigen Hallen, vom Meer her wehte eine stete Brise, die sich verlor, je weiter sie in das Gelände vordrangen. Josef hätte am liebsten wie am Strand die Arme ausgebreitet, um alles in sich aufzunehmen, das Dröhnen, die Luft, das Licht, tat es nur wegen Long Pete nicht. Alles war hier im Werden, war Aufbruch und Aufbau, es roch nach Arbeit und Erfolg.
„Na, Bammel?“ Long-John drehte sich zu ihm und sprach im Gehen weiter: „Na klar, hast du Bammel, wäre ja komisch, wenn nicht. Ich habe gehört, du bist der Speedy Gonzalez bei den Großmaschinen.“
„Ja, ich bin schnell. Und genau.“
„Ich weiß, das hab‘ ich auch gehört.“
Long Pete machte eine Pause, dann: „Manchmal zu genau. Aber das kriegen wir schon hin.“
Josef antwortete nicht. Was sollte das? I n ihrem Job konnte man nie zu genau sein. Schnelligkeit und Präzision waren sein Markenzeichen, deshalb hatte sein Chef ihm das Projekt übertragen Und ihn zum leitenden Werksingenieur gemacht. Das war hier sein Titel und wenn er daran dachte, richtete er sich noch mehr auf, drückte den breiten Rücken durch. Er hatte nicht studiert, aber es stimmte wohl: man wuchs nicht nur mit den Aufgaben. Auch mit den Titeln.
Selbstbewusst trat er vor Long Pete durch das riesige Tor ihrer Halle.

Sofort sah er die mit Sicherungsband markierte Grube in der Mitte der Halle, roch den säuerlichen Geruch von frischem Beton. Drei Meter tief, 12 Meter lang, sieben Meter breit. Größer als unsere Wohnung, dachte Josef nebenher und beugte sich über das Betonfundament in der Grube. Sein Nacken kribbelte. Irgendetwas stimmte nicht. Das Fundament musste die 170 Tonnen Metall und Elektronik der Drehmaschine tragen und dieses hier sah für ihn aus, als sei es dafür noch zu frisch.
Er drehte sich zu dem Mann, der mit weißem Hemd und geöffnetem, grauem Arbeitsmantel auf sie zukam.
„Da sind Sie ja. Hatten Sie einen guten Flug?“
Tiefenthaler, der Hauptprojektleiter für die gesamte Anlage, streckte ihm die Hand entgegen. Josef schüttelte sie kräftig. Aha, so sahen also Erben aus, dachte er und nickte dem Mann zu. Das würde nicht leicht, den ernst zu nehmen, soviel konnte er schon sagen. Tiefenthaler trug den Arbeitsmantel offen, darunter ein weißes Hemd mit Manschetten wie zu einem Anzug. Was für ein Babyface. Long Pete hatte ihm erzählt, dass Tiefenthaler die Firma erst vor kurzem von seinem Vater übernommen hatte. Josef hinderte sich daran zu grinsen und drückte Tiefenthalers Hand noch einmal besonders fest. Glens war schon seit Jahrzehnten Subunternehmer der Firma Tiefenthaler und Josef hatte gut im Ohr, was sein Vorgesetzter in Düsseldorf ihm eingeschärft hatte: „Qualität liefern wir immer, aber das Verhältnis zum Kunden ist genauso wichtig. Und mit der Firma Tiefenthaler arbeiten wir seit Jahren gut zusammen. Das soll so bleiben. Wir verstehen uns?“
Josef hatte verstanden. Zu Kunden, die er für technische Banausen hielt, war er gerne ruppig, es gab Beschwerden über ihn. Dr. West hatte ihn deshalb schon mehrmals ermahnt.

„Ja, der Flug war gut, danke“, erwiderte Josef und sah seinen Auftraggeber offen an, er konnte ja auch nett sein.
„Fein“, sagte Tiefenthaler. „Kommen Sie, ich stelle Ihnen Ihre Mitarbeiter vor.“
„Ich würde gerne das Fundament in Augenschein nehmen. Ist es schon ausgehärtet? Es riecht noch so frisch. Wann haben Sie es gießen lassen?“
Josef sah, wie Tiefenthalers Gesicht die joviale Glätte verlor, sich aber sofort wieder zusammenfügte: „Ich habe bereits gehört, dass Sie Maschinen so schnell aufstellen wie kein anderer.“
Tiefenthalers Stimme war dem Gesicht nicht hinterhergekommen, Josef hörte den harten Unterton genau:
„Wir hatten …“, wollte Tiefenthaler fortfahren, Josef unterbrach ihn: „Wenn die Voraussetzungen stimmen.“ Hart konnte er auch, er wies auf das Fundament.
„Ursprünglich hatten wir zwölf Wochen bis zum Anfahren der Maschine geplant“, sagte Tiefenthaler.
Er machte eine Pause, senkte den Kopf und sah Josef von mit zusammengekniffenen Augen an:. „Ich habe mit Dr. West schon gesprochen, er meint, es müsste auch in zehn Wochen gehen. Neun wären noch besser, aber mehr als zehn dürfen es auf keinen Fall sein.“
„Wir können froh sein, wenn wir es in zehn Wochen schaffen – kürzer ist meines Erachtens nicht möglich“, erwiderte Josef und fand seine Antwort angesichts der Situation sehr diplomatisch.
Tiefenthaler zuckte mit den Schultern.
„Schade. Ihr guter Ruf ließ mich hoffen …“

Das ihm zugeordnete Team, dreizehn Koreaner mochte Josef sofort. Sie hatten die Container, in denen die Maschine verschifft worden war, in der richtigen Reihenfolge und perfekten Entfernung vom Fundament angeordnet.
„Sieben Container und vier Spezialkisten“, sagte der Vorarbeiter. Er war um die vierzig, hieß Hoseok,sprach ausgezeichnetes Englisch und begrüßte Josef mit einer kleinen Verbeugung. Josef erwiderte sie und bedankte sich für die Packliste, die ihm Hoseok in die Hand drückte.
„Gute Arbeit“, sagte er, ebenfalls auf Englisch und wies auf die Container, von denen jeder 12 Meter maß. Bewegt werden konnten sie nur mithilfe des Krans, der an der Decke der Halle hing.
„Na, das wird ja wieder wie Weihnachten. Ganz viel zum Auspacken.“
Long Pete war neben ihn getreten und sah auf die rund zwanzig Seiten dicke Packliste.
„Womit sollen wir anfangen?“ fragte Hoseok.
„Anfangen? Wie lange wird denn hier abends gearbeitet?“
Inzwischen war es fast 20 Uhr. Tiefenthaler sagte:
„Wir haben eine Spätschicht angeordnet, damit Sie schnell in die Gänge kommen. Unsere koreanischen Freunde haben ohnehin andere Arbeitszeiten als wir zu Hause. Denen macht das nichts. Ihnen hoffentlich auch nicht?“
Nein, so ging so nicht. Josef überlegte und hielt dabei seine Gesicht unter Kontrolle. Er wollte Elke nicht allein lassen, nicht schon am ersten Abend und nachdem sie sich gerade wieder versöhnt hatten. Das wäre nicht klug. Und Nadja? Ihr wollte er unbedingt einen Gute- Nacht Kuss geben und noch ein wenig kuscheln.
„Das macht mir nichts aus. Aber nicht am ersten Tag.“
„Wenn Sie die Schichtzulage bezahlen, können Sie die Leute gerne nach Hause schicken.“
Josef schaute auf Long Pete, dessen Gesicht – ausdruckslos. Was sollte er tun? Gleich am ersten Tag einen Konflikt mit dem Kunden? Bloß nicht. Sein Magen begann einen kleinen Tanz, Josef musste schlucken und starrte auf die Container. Starrte. Direkt vor ihm: Container Nummer eins. Darin war ihr gesamtes Werkzeug. Das mussten sie als Erstes ausladen. Für die sichere Unterbringung war der Kunde verantwortlich. Vertraglich vereinbart. Jeder wusste, was auf Baustellen alles geklaut wurde. Der Magen hielt still und Josef lächelte Tiefenthaler an.
„Wo ist bitte unser Raum?“, fragte er so höflich, als wäre er selbst schon ein halber Asiate.
„Ach ja, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Kommen Sie bitte mit.“
Tiefenthaler führte sie zu einem zweistöckigen Bürocontainer in einer Ecke der Halle. In einiger Entfernung folgte ihnen Hoseok. Von außen ging eine Stahltreppe in den oberen Bereich des abgeschrammten Blocks.
„Mein Büro ist in der Beletage. Ich habe ein wenig umgeräumt und die Sachen sind noch hier drin. Aber das dürfte Sie ja nicht stören.“
Er öffnete die Tür zum unteren Bereich. Ihnen zeigte sich eine Rumpelkammer. Ausgediente Schreibtischstühle, Regale mit kaputten Ablagen. In der Mitte ein großer Schreibtisch, vergammelte Ordner. Licht kam von einer baumelnden Glühbirne.
„Interessant“, sagte Josef im selben höflichen Ton. Von Long Pete hörte er ein unterdrücktes Geräusch. Lachen? Hoseok neben ihnen schien gespannt zu warten.
„Ein bisschen abwischen und aufräumen. Das können Ihre Mitarbeiter machen.“
Tiefenthaler schlenkerte die Hand hin zu Hoseok. Kniff der die Augen zusammen? Josef drehte sich so, dass er Tiefenthaler gegenüberstand.
„Danke für den Schreibtisch, der ist optimal für unsere Pläne, der sollte unbedingt hier stehen bleiben, Herr Tiefenthaler. Wir brauchen aber natürlich mehr Licht. Außerdem Regale, die funktionieren, und ein paar Stühle. Also solche, die nicht kaputt sind.“
Josef war sehr zufrieden mit sich, Dr. West hätte ihn mal hören sollen, so ruhig wie er geblieben war – in Wahrheit war der Raum eine Unverschämtheit.
„Ich habe keine …“, sagte Tiefenthaler.
Josef unterbrach ihn und sprach jetzt Englisch. Er wollte, dass Hoseok verstand, worum es ging:
„Entschuldigen Sie, dass ich unterbreche, aber außerdem benötigen wir an der Maschine Holzrahmen, an die wir die Zeichnungen hängen können. Und Ablageflächen für die Werkzeuge. Außerdem eine abschließbare Kiste. Damit wir nicht mittags alles wegräumen müssen, wenn wir in die Kantine gehen.“
„Das steht nicht im Vertrag.“
„Verzeihen Sie, Herr Tiefenthaler, aber Ihre Sache ist die Infrastruktur. Unsere die Maschine.“
Er hob Augenbrauen und Hände – Tiefenthaler sollte genau sehen, wie unendlich leid ihm das alles tat – und drehte sich zu Hoseok. Wie kam das bei ihm an? Hoseok sah zufrieden aus.
„Sie übernehmen die Schicht, Herr Tiefenthaler?“, sagte Josef abschließend, aber es war keine Frage. Dabei wies er auf Hoseok. Der lächelte. Im Weggehen schon informierte er Josef, dass eine Kiste nicht nötig sei. Er, Hoseok, sei immer an der Maschine. Er esse in Sichtweite.

„Das hast du gut gemacht, Boss“, sagte Long Pete und lachte in sich hinein. Sie waren im Taxi, auf dem Weg ins Hotel. „Damit hat Tiefenthaler bei einem Jungspund wie dir nicht gerechnet.“
Josef schwieg. Ja, er war im Recht und er war die Ruhe in Person gewesen.Alles, was er gefordert hatte, war üblich. Oft aber wurden diese Vereinbarungen zum eigenen Raum auch von anderen Kunden nicht eingehalten. Meist einigte man sich irgendwie auf halbe-halbe. Er hingegen hatte keinerlei Entgegenkommen gezeigt – dabei war es genau das, was sein Chef von ihm erwartete. Okay, er würde Tiefenthaler an einem anderen Punkt nachgeben. Wenn es passte.

Josef wischte das angelaufen Fenster des Taxi frei. Gesichtslose Strassen, Wohnbauten von der Stange, schnell, preiswert, groß. Kalt. Passend zu den Minusgraden des strengen, koreanischen Winters.
„Noch auf einen Absacker?“, fragte Long Pete.
„In deine Spezialbarmit dem Budweiser?“?“
„Das hast du dir gut gemerkt, Boss.“
Josef überlegte. Long Pete hatte ihm vom „Seaman’s Club“ vorgeschwärmt, einer Bar am alten Hafen. Dort verkehrten vor allem Amerikaner, die Stimmung sei immer gut. Lust hätte er schon.Runterkommen, Tiefenthaler abspülen. Aber Elke. Sein Versprechen. Er konnte dort ja nicht nur Wasser trinken.
„Nein, heute nicht.“
„Okay, dann setze ich dich am Hotel ab.“
Kurz bevor sie ankamen, fragte Josef: „Könntest du dir vorstellen, Elke mitzunehmen? Sie will sicher gerne noch mal um den Block, ich bleibe bei Nadja.“
„Ich bin nicht der Richtige für das Begleitprogramm von Ehefrauen, ich bin Elektroniker.“
Dann eben nicht. Josef sah aus dem Fenster, ein zweites Mal fragte er sicher nicht.
Long Pete hieß den Taxifahrer vor dem Hotel warten, stieg ebenfalls aus und ging mit Josef bis zur Lobby.
„Sag ihr, ich habe Durst. Ich warte hier. Genau fünf Minuten.“
„Danke.“ Josef, genau so groß wie der lange Long Pete gab ihm einen anerkennenden Schlag auf die Schulter und sprintete die Treppen in den sechsten Stock. Der Aufzug war was für Ältere, wie Long Pete.

Nadja und Elke kuschelten in der Sitzecke der Junior-Suite, Nadja las Elke aus ihrem Lieblingskinderbuch vor. Josef blieb kurz an der Tür stehen: Seine Tochter. Noch nicht mal ganz fünf und konnte schon lesen. Er hatte ihr das beigebracht. Mit dem Finger fuhr sie die Zeilen entlang und sprach mit grollender Stimme: „‚Ich fress‘ dich auf‘, sagte Max zu seiner Mutter. Da musste er ohne Essen ins Bett.“
Elke hörte zu, sah nebenbei immer wieder in einen Reiseführer über Südkorea. Sie lehnte entspannt im Sofa, die langen Beine unter sich, sehr sexy in einem engen Strickkleid.
„Da unten wartet einer, um dich auszuführen.“
Sie sprang sofort auf, küsste ihn aufs Ohr: „Mmmh, danke.“ Durch die offene Badtür, dunkelroter Lippenstift, erzählte sie, dass sie über diese Bar schon gelesen habe…den besten Burger der Stadt… vor allem so frisch… Josef hörte unkonzentriert zu, er war hungrig, hatte Durst und dachte an das Fundament, wie es seine ganze Arbeit gefährden könnte. Er bückte sich zur Minibar und nahm ein Bier heraus. Es war eiskalt, gut, wo war der Öffner?
Elke kam aus dem Bad: „Josef!“
„Was?“
„Das.“
Aber da war er selbst schon alarmiert von der Flasche in seinen Händen, wie.. er musset er danach gegriffen haben, aber…was hatte er denn in der Minibar gewollt…? verstand esnicht, irgendein Automatismus… kein Wunder bei dem Stress, den Elke ihm machte. Er bückte sich noch einmal, nahm statt des Biers ein Wasser, hielt es hoch.
„Elke, ich habe mich vergriffen. Es ging um das hier.“
Sie sah ihn an, als wollte er sie verarschen und er lachte:
„Elke, bitte, ich wäre ein Held, wenn ich mir hier vor dir ein Bier greifen würde, das würde ich nie wagen, das glaubst du doch selbst nicht.“ Er duckte sich, als hätte er Angst vor ihr.
Sie lachte rau: „Die Macht der Gewohnheit“, und er dachte: sie kann es nicht lassen, immer noch einen drauf. Ein Küsschen für Nadja, noch eins für ihn, dann war sie durch die Tür, bis später.
Nadja hatte das Buch über die wilden Kerle längst zugeklappt und alles genau beobachtet. Wieso war ihm das peinlich? Es war doch wirklich ein Versehen.
„Na, mein Schatz, hast du auch Hunger.“
„Sooo viel“, sie formte ein großes O mit den Armen.
Er half ihr beim Anziehen.
„Ich auch“, sagte er, „ich könnte einen ganzen Bären essen.“
„Und ich einen Elefanten.“

4

Das Hotelrestaurant war streng, Tische und Stühle aus dunklem Holz, die durchbrochenen Holzrahmen an den Wänden brachten auch keine Leichtigkeit. Nur an der Mitte der Längswand war es hell, gab es Glanz. Er strahlte von einem großen Aquarium, aufgebaut auf einem Sockel. Wie ein Altar, für Josef befremdlich, aber Nadja war begeistert.
„Papa, Goldfische. Und ein schwarzer ist dabei.“
Sie drückte Nase und Hände an das Glas, lachte begeistert, als der schwarze Fisch hinter der Scheibe ihre Nase anstupste. Ein Kellner eilte herbei.
„Nein, nein“, sagte er, „kein Glück. Geh weg, kein Glück.“
Er wirkte besorgt als ärgerlich.
„Was sagt er, Papa, was ist los?“
„Kein Glück“, sagte der Kellner wieder, zeigte auf den schwarzen Fisch und tippte dann auf seine Nase.
„Er meint wohl, der schwarze Fisch bringt Unglück. Und die anderen?“, fragte Josef den Kellner. Der suchte die richtigen Worte. Weil er sie nicht fand, zeigte er mit seinen Händen eine weit geöffnete Schale und legte lächelnd den Kopf in den Nacken, vermutlich in Erwartung reicher Gaben von oben.
„Like little gods,“ sagte er und deutete auf die Goldfische.
„Wie kleine Götter“, übersetzte Josef. „Glücksbringer.“
Nadja blieb vor dem Aquarium stehen.
„Kleine Götter“, flüsterte sie, „kleine Götter.“

Die Speisekarte war auf Englisch und hatte ein breites Angebot auch an westlichen Gerichten. Josef übersetzte Nadja jedes einzelne Gericht und ließ sie es nachsprechen. „Sag salade with grilled fish. Salat mit gegrilltem Fisch.“
„Aber das mag ich nicht.“
Er lachte und als sie selbst „a schnitzel viennoise with pommes“ bei dem freundlichen Kellner bestellte, schloss Josef sich ihr an und orderte dazu ein Bier.
„Nein“, rief sie, so laut, dass der Kellner abrupt stehen blieb und Josef fragend ansah.
„Was nein?“
„Die Mama will doch nicht, dass du Bier trinkst.“
Er hatte sich gut unter Kontrolle, und lächelte sie an:
„Ich wollte nur testen, ob du aufpasst.“
Er bestellte eine Cola und streckte Nadja die Hand über den Tisch entgegen.
„Du hast eine gute Reaktion, die hast du von mir.“ Er lachte, war doch alles nur ein Scherz.
Sie legte ihre Hand zögerlich in seine.
“Warum mag die Mama nicht, dass du Bier trinkst?“
„Ich glaube, sie mag den Geruch nicht.“
Sie nickte, schien aber nicht überzeugt.
„Am besten fragst du sie selbst, ich verstehe es auch nicht ganz.“

Das Essen kam, Nadja aß, schwieg und hatte Elkes Nachdenk-Falte auf der Stirn.
„Wo ist die Mama?“, fragte sie plötzlich.
„Aber das hast du doch mitbekommen. Sie ist mit Long Pete noch was trinken gegangen. Warum?“
„Geht die Mama ganz weg?“
„Wie kommst du darauf?“
Sie antwortete nicht. Malte mit den letzten Pommes im Ketchup Rest.
„Nadja. Mäuselmaus.“
Er zog sie zu sich auf den Schoß, wiegte sie und sie wehrte sich nicht.
„Keiner geht weg. Ich nicht, die Mama nicht, du nicht. Wir sind eine Familie.“
„Können wir in Düsseldorf solche Fische kaufen? Für das Glück?“

5

Nadja war im Bad, Zähneputzen und Josef starrte in die Minibar. Er schloss sie, öffnete wieder. Doch, es war so: Wasser und Soft-Drinks, davon mehr als vorher, dafür kein Bier, Wein, Sekt, Whisky, Cognac…
Er warf die Tür zu, die Schrankeinheit zitterte. Er schrie. Irgendetwas, er hörte sich selbst brüllen.
Stopp, Nadja. Da stand sie schon in der Tür, Zahnbürste in der Hand, riesige Augen.
„Papa!!!“
„Nichts, alles okay,ich habe mich nur gerade an der depperten Kante gestoßen.“
Er hielt sich das Handgelenk und deutete auf die Schreibtischecke
Sie begutachtete die Stelle, „das gibt einen blauen Fleck“, und pustete darauf, schnell war die Haut weißgesprenkelt.
„Das kühlt schön, die Zahnpasta“, sagte er, „geh‘, mach dich fertig, ist schon viel besser.“
Josef öffnete das Fenster einen Spaltbreit, weiter war nicht möglich. Das Rauschen der Autos tief unter ihm war wie anrollende und schwindende Wellen, die Luft eiskalt.
Sie war verrückt. Was glaubte Elke denn, wer sie war? Und er? Sie musste dem Personal aufgetragen haben die Minibar auszuräumen, bevor sie mit Long Pete aufbrach. Fast hätte er wieder gebrüllt – hatte Long Pete dabei neben ihr an der Rezeption gestanden? Hatte er es mitbekommen? Mami passt auf, dass Jobärlein nicht trinkt. Er umklammerte den Fenstergriff. Konnte man vor Wut kotzen? Weißt du Long Pete, mein Mann trinkt regelmäßig. Er braucht immer einen Spiegel, damit pusht er sich. Immer Höchstleistung, immer bis an die Grenze, verstehst du? Und irgendwann kippt es dann…Immer dieselbe Predigt seitdem der Lappen weg war. Er starrte in die diffuse Dunkelheit, es war nicht ganz schwarz da draußen, irgendein Schein von den Autos kam bis zu ihm hoch. Kalt, es war kalt und alles so bescheuert und widerlich und unnötig und ihm war auch inwendig kalt. Er schloss das Fenster nahm sich ein Wasser, trank, musste husten und lachen gleichzeitig.
Das Wasser war viel zu kalt und das Ganze wäre lustig, wenn es nicht so abturnend wäre.
Nadja kam aus dem Bad. „Liest du mir was vor?“
Sie machte ihre Babystimme, das tat sie oft, wenn sie etwas von ihm wollte. Ihm machte es nichts aus. Elke reagierte nicht darauf, sagte höchstens: „Du bist kein Baby mehr, Nadja, sprich ordentlich.“
Er lächelte, natürlich war Nadja sein Baby, sie würde es immer bleiben, das fühlte sich gut an, warm, alles andere war kalt in ihm.
Sie kuschelte sich ins Bett, er setzte sich neben sie, begann zu lesen und hörte nach einer Seite wieder auf. Sie schlief schon und
Er blieb neben ihr sitzen. Eine ihrer Hände lag offen auf dem Laken, im Schein der Stehlampe konnte er die Linien in der Handfläche erkennen. Nur zart gefaltet, die Haut glatt, unbeschrieben. So verletzlich. Kinder musste man beschützen. Sie hatten alles recht auf Liebe, auf das Beste, einfach so, weil sie Kinder waren. Er wusste nicht, wann und wie er zu dieser Überzeugung gekommen war, aber es war so.
Im Schrank suchte er einen Pyjama, legte sich neben Nadja, schloss die Augen. Konzentrierte sich auf ihren Atem, wollte den Rhythmus aufnehmen, atmen gegen seine Gedanken, die ihm das Fundament zeigten, dieses verdächtig frisch riechende Fundament, wacklig wie ein Pudding wahrscheinlich, wie sollte man da 170 Tonnen… und jetzt könnte er wirklich ein Bier vertragen, auch zwei, oder drei, zum Runterkommen, zum Schlafen, aber Elke…und schon riss ihn die Wut wieder hoch, ruhig Josef, bleib ruhig… denk an was anderes… er sah vor sich den Fuchs bei den kleinen Häusern… wie er die Ohren aufgestellt hatte… seine beiden Füchse in dem Sack auf dem Wasser… seinen Vater… er selbst…hilflos zornig…
Das Türschloss klickte, er stellte sich schlafend, der Teppich dämpfte Elkes Schritte, er blinzelte, die Stehlampe machte ein Schattenspiel aus ihren Bewegungen Bad, Wasserrauschen, Rascheln, sie löschte das Licht und rutschte vorsichtig an seine Seite in das breite Bett, kuschelte sich an ihn.
„Schläfst du?“
„Jetzt nicht mehr.“
Er richtete sich auf, sah nach Nadja. Sie lag ruhig, einen halben Meter entfernt, ein dünner Kinderschulterflügel hatte sich von der Decke befreit, ragte aus der Ebene des Bettes. Er deckte sie zu, drehte sich dann gähnend zu Elke.
„Die Bar ist super und Long Pete hält viel von dir. Er meint, wenn dieses Projekt funktioniert, machst du eine echte Karriere. Und wirst richtig Geld verdienen.“
„So, so. Sagt Long Pete.“
„Er hat mich auch gefragt, ob es stimmt, dass du ein fotografisches Gedächtnis für Maschinen hast.“
„Und?“
„Ich habe ja gesagt, aber er soll dich selber fragen.“ Josef sprach nicht gerne darüber –sobald andere wussten, dass er eine Art Bibliothek für Maschinenbau im Kopf hatte, waren seine Leistungen irgendwie selbstverständlich.
Elke tastete nach ihm, seinem Gesicht, wahrscheinlich wollte sie ihn streicheln. Er hielt ihre Hand fest, sehr fest.
„Hey, was hast du?“
Er schwieg. In der Dunkelheit sah er den Glanz ihrer Augen, ahnte die Bewegung, wie sie ihn musterte.
„Sie reden bei Glens darüber, dass du den Führerschein abgeben musstest. Long Pete hat gefragt, wieso.“
„Du hast die Minibar ausräumen lassen.“
„Dann ist es doch leichter, oder?“
„Du entmündigst mich.“
„Du entmündigst dich selbst, wenn du trinkst.“
Da war eine Stichflamme in ihm, ein Schrei drängte, aber Nadja, er hustete, und schluckte die Wut, hinunter in seinen heißen, angespannten Magen, es brannte, und er hätte hunderttausend Dinge erwidern können, wann sie ihn denn je so betrunken gesehen hätte, ob sie wusste, was sie da sagte… aber Nadja, sie sollte bloß nicht aufwachen, nichts davon mitbekommen und er musste endlich schlafen.
Er stand auf, nahm Decke und Kopfkissen und noch ein paar Kissen, die herumlagen und ging ins Bad.
Die Badewanne war lang und viel flacher als europäische Wannen, mit den Kissen war sie erträglich.
Er lag noch nicht lange, da ging die Tür auf. Es war heller hier, vor dem Fenster eine Jalousie, der Schein einer Fassadenbeleuchtung drang durch.
Elke weinte und er sah weg, er wollte sie nicht in der Nähe haben. Sie kniete sich neben die Wanne, er sah zum Fenster, hörte, wie sie die Nase hochzog.
„Es tut mir leid, Josef, ehrlich, du hast Recht. Das war übergriffig von mir, ich habe übertrieben, auch vorhin…“
Er sah sie immer noch nicht an, aber was sie sagte…,in ihm glättete sich etwas.
„Josef, schau mich an, ich liebe dich, ich mach das doch nur für uns.“
Nein, so einfach nicht, Elke, so schnell nicht.
„Josef, bitte.“
„Ich bin schon groß Elke, und ich bin keiner deiner tattrigen Hotelgäste. Ich kann gut für mich sorgen und brauche niemanden, der aufpasst.“
Sie hatte ihm einmal erzählt, früher, dass im Sandor die teuersten Hotelzimmer von den ältesten Gästen gebucht wurden. Man käme sich manchmal vor wie in einem Altenheim und seither hatte er ein weiteres Bild von ihr: die tüchtige Rezeptionistin als besorgte Kümmererin.
Lachte sie oder war das ein Seufzen?
„Ich liebe dich wirklich, Josef.“
„Geh schlafen, Nadja soll nicht auch noch aufwachen.“
Sie wollte noch etwas sagen, aber er schüttelte den Kopf. An der Tür drehte sie sich noch einmal um, er spitzte die Lippen zu einem angedeuteten Kuss.

Endlich konnte er schlafen. Das Fundament wuchs und bekam Risse, aus denen das Wasser der St. Luzer Aache sprang, Tiefenthaler sah aus wie Elke in einem grauen Arbeitsmantel und in der Minibar lagen Ankerschrauben. Zwischendurch fiel ihm ein, dass er vergessen hatte den Fuchs zu füttern, den kleinen, armen Kerl.

St. Luz, August 1989

Josef tauchte durch lichtgraues Wasser. Ein Stück unter ihm schwammen die Füchse, ihre Ohren schaukelten im sanften Wogen. Sie drehten sich zu ihm, sahen ihn an. Kommst du? Nur noch ein Stückchen, nur noch ein wenig tiefer tauchen, sie waren so schnell.
Von weit oben drangen Geräusche durch das Wasser, Gemurmel, Strandwellen, die an runde Kiesel liefen. Aber es waren Stimmen, sie zogen ihn hinauf. Eine Männerstimme, alt, beruhigend.
„Der wird schon wieder, Frau Bucherer, das ist ein zäher Bursche. Und er hat alles erbrochen, haben sie gesagt. Was hat er denn erwischt? Schnaps?“
Eine Hand reichte von oben durch das Wasser, der Arm musste meterlang sein. Trockene Finger legten sich an sein Handgelenk, verharrten, ließen ihn nicht weitertauchen.
„Der Puls ist noch ein bisschen langsam. Aber nicht schlimm. Er braucht viel Flüssigkeit, wenn er aufwacht. Und geben Sie ihm eine Fleischbrühe. Das bringt jeden Mann wieder auf die Beine.“
„Wir wissen gar nicht genau, was es war. Er roch nur wie besoffen und war von oben bis unten angespieben. Und ohnmächtig.“
Eine andere Stimme, eine Frau, seine Mutter. Die Füchse waren inzwischen weit weg, er wollte zu ihnen.
„Das klingt schon nach einer Alkoholvergiftung. Aber wie gesagt, das Schlimmste hat er hinter sich.“
Ein brüchiges Lachen. Stille. Schon sank er wieder tiefer. Er würde sie gleich erreichen. Dann ein lautes Geräusch, trocken, metallen. Es riss ihn nach oben, die Füchse entschwanden, sein Zimmer kam auf ihn zu, die getäfelte Decke, stechende Sonne zwischen den Vorhängen, auf der Treppe hörte er Schritte.
Der Schmerz war überwältigend. Für einen Moment sah Josef sich selbst in dem schmalen Fichtenholzbett liegen, bedeckt nur mit einem Laken, ähnlich dem Bettbezug, in dem Peter und Paul ihrem Tod entgegengetrieben waren. Er lag gekrümmt, beschienen von der Nachmittagssonne, in die der kantige Schatten seines Schrankes fiel. In sich hatte er das Bild einer vom Unwetter beschädigten jungen Kiefer, die er bei einem seiner Streifzüge gesehen hatte. Abgerissene und geknickte Triebe, absterbendes Holz, beschädigt für immer.

Dann war der Moment vorbei und Josef stöhnte im Erwachen laut über die Schmerzen in seinem blau getretenen Rücken.
Als hätte sie darauf gewartet, öffnete seine Mutter die Türe. Sie trug ein Tablett, darauf ein dampfender Teller. Sie setzte sich an den Bettrand, das Tablett auf den Knien. Er rückte ein wenig zur Seite, die Bewegung zwang ihn die Zähne zusammenzubeißen.
„Mein Großer“, flüsterte sie und strich ihm vorsichtig über die Stirn, „mein Großer, was machst du für Sachen?“
„Die Füchse“, sagte er. Tränen sammelten sich in seinen Augen, „hat sie jemand gefunden?“
„Ich weiß nicht.“ Sie strich ihm wieder über den Kopf und zog ihn ein bisschen zu sich.
„Aua, das tut weh.“ So schlimm war es nicht, sie war sehr zart, aber er wollte sie nicht so nah.
„Was hast du gemacht? Du warst ohnmächtig. Du kannst froh sein, dass dich jemand gefunden hat.“
„Wo?“
„Oben auf der Lichtung, neben dem hohlen Stamm. Du lagst in deiner Speibe. Du hättest ersticken können.“
Josef schwieg. Auf der Lichtung? Er versuchte sich zu erinnern – nichts. Der ganze Abend wie im Nebel. Nur ein Bild war da, scharf, deutlich, schon seitdem er die Augen aufgemacht hatte. Der Arm des Vaters, der den Sack mit den Füchsen schwang und ihn in hohem Bogen in die Ache warf. Wie sie davontrieben. Wieder kamen ihm die Tränen. Er ließ sich langsam in die Rückenlage gleiten, zog das Laken bis zum Gesicht.
„Iss mal ein bisschen Suppe, dann wird’s dir besser.“ Sie reichte ihm die Fleischbrühe an, aber er drehte sich weg.
„Kein Hunger“, sagte er. Sie stellte den Teller neben dem Bett ab.
„Ich lass sie dir da, die kann man auch kalt essen.“
Sie ging zur Tür, blieb noch einmal kurz stehen:
„Du, beim Fischer Toni unten im Dorf haben’s junge Katzln. Eine Woche. Sie haben die Augen schon auf. Wennst magst, kannst zwei haben. Der Pappa sagt, wir haben eh so viel Mäuse.“
Er drehte sich weg von ihr. Kurz bevor die Tür zu war, sagte er zur Wand hin: „A Katzl is koa Fuchs.“
„Und Saufen is nix für kleine Buabm.“
Sie kam zurück zu ihm und drehte ihn langsam zu sich. Er ließ sich von ihr in die Rückenlage manövrieren.
„Du hast Glück gehabt, dass der Winkler dich gefunden hat.“
„Der Winkler? Der aus Deutschland? Wieso?“
„Was wieso? Weißt es nicht mehr?“
„Doch, doch. Aber jetzt will ich schlafen.“
„Also koa Katzl?“
Er schüttelte nur den Kopf. Sie küsste ihn einmal fest auf die Stirn, dann ging sie.
Josef versuchte nachzudenken. Der Winkler? Der war nett, aber er kannte ihn doch nur so, vom „Grüß Gott“-Sagen. Wo hatte der ihn gefunden? Es fiel ihm nicht ein, er hatte eine strudelnde Stelle im Kopf, die alles ansog und irgendwohin trieb, wo er es nicht wiederfinden konnte.
Als er das nächste Mal aufwachte, war sein Zimmer erfüllt von rötlicher Abenddämmerung. Neben dem Teller standen ein Glas Milch und Wasser. Er aß und trank gierig, bis sein Bauch voll und rund war wie eine Kugel. Aufatmend setzte er sich aufrecht, er musste nachdenken. Diesmal funktionierte es. Der Strudel im Kopf war weg und Bild für Bild vervollständigte sich der Film. Wieder begann er mit dem in die Ache geschleuderten Sack, wieder ging der Schmerz durch ihn. Dann sein Lauf den Bach entlang, die Vergeblichkeit am Wasserfall. Der stolpernde Weg zur Kapelle.
Dort. Die Feiglinge, die beiden Fläschchen. Jetzt wusste er es wieder und zog scharf den Atem ein. Er hatte sie getrunken. Und dann? Was war danach passiert? Nichts. Kein Bild, keine Erinnerung. Schwärze. Der Film hatte kein Ende. Josef saß und starrte in sein Zimmer, weichgezeichnet im verblassenden Licht.
Er sprang auf, er musste raus. Als lägen die letzten Bilder irgendwo da draußen, in der Kapelle, im Langwald. Ihm wurde schwindlig, schnell setzte er sich auf die Bettkante und wartete, bis sich der Fußboden nicht mehr drehte. Ruhig bleiben, nachdenken. Der Winkler würde Bescheid wissen. Er brauchte ihn ja nur zu fragen, wenn er sich das traute. Josef spürte, wie sein Gesicht heiß wurde vor Scham.
Vorsichtig stand er auf. Der Fußboden blieb ruhig dieses Mal.

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